Biogas

Rückgang bei Bestandsanlagen

Bioenergie vermeidet Emissionen von Millonen Tonnen CO2 beim Einsatz in den Bereichen Wärme, Strom und Mobilität. Doch Biogasanlagen sind in Deutschland erstmals auf dem Rückzug.

Quelle: Fachverband Biogas, 23.07.2020
Quelle: Fachverband Biogas, 23.07.2020

Die installierte elektrische Leistung deutschen Biogasanlagen erreichte 2019 Jahr erstmals die Marke von 5.000 MW. Die Prognose für 2020 sieht dennoch nicht gut aus. In seinen neuen Branchenzahlen verzeichnet der Fachverband Biogas e.V. einen Rückbau im Anlagenbestand und damit auch eine Reduzierung der aus Biogas erzeugten Strommenge. "Die Biogasbranche steht aktuell für eine verlässliche und speicherbare regenerative Energieversorgung zur Verfügung“, sagte der Präsident des Fachverbands Biogas, Horst Seide, bei der Vorstellung der Biogas-Branchenzahlen im Rahmen einer digitalen Pressekonferenz am 23. Juli. „Aber wir müssen der Tatsache ins Auge sehen, dass ab jetzt der faktische Rückbau der Biogasanlagen-Kapazität beginnt.“

33,33 TWh klimafreundlichen Strom erzeugten die gut 9.500 deutschen Biogasanlagen 2019. Dies deckt den Bedarf von über 9,5 Mio. Haushalten und stellt zusätzlich knapp 13 TWh Wärme bereit. Das entspricht einem Viertel der deutschen Stromerzeugung aus regenerativen Quellen. Biogas ist damit die wesentliche speicherbare Ergänzung im Bereich der erneuerbaren Energien zu volatilem Strom aus Wind und Sonne

Für das laufende Jahr zeigen die Branchenzahlen allerdings eine negative Tendenz. Standen 2019 den knapp 100 Neuanlagen nur 15 Stilllegungen gegenüber, erwartet der Fachverband Biogas für 2020 erstmals seit dem Inkrafttreten des Erneuerbare-Energien-Gesetzes (EEG) einen signifikanten Rückgang im Anlagenbestand und auch in der Strom- und Wärmebereitstellung. Bei etwa gleichbleibender Zahl an Neuanlagen wird es 2020 voraussichtlich 250 Stilllegungen geben, was einem Netto-Rückbau von über 160 Anlagen entspricht. Die arbeitsrelevante Leistung sinkt dadurch von 3.810 auf 3.794 MW und damit auch die Stromproduktion. Darüber hinaus deutet sich ein sinkender Zubau flexibler Leistung an.

„Wir stehen mit der Biogasnutzung in Deutschland an einem Kipppunkt“, warnte auch Simone Peter, Präsidentin des Bundesverbandes Erneuerbare Energie (BEE). In den nächsten Jahren würden viele Anlagen zur Erzeugung von erneuerbarem Strom nach 20 Jahren aus dem EEG fallen. „Das sind funktionstüchtige Anlagen, in denen viel Know-how und technische Innovationen von zwei Jahrzehnten stecken“, ergänzte Peter. „Wir brauchen für neue, aber auch für alte, noch funktionstüchtige Anlagen, für die es ab 2021 keine EEG-Vergütung mehr gibt, einen fairen Marktzugang. Denn sie sind nicht nur energiewirtschaftlich relevant, sondern gerade auch für den Klimaschutz. Hier muss die Bundesregierung Per-spektiven schaffen, um Klimaziele und die Ausbauziele für Erneuerbaren Energien zu erreichen.“ Aktuell vermeiden Biogasanlagen pro Jahr über 20 Millionen Tonnen CO2 – und leisten damit einen wertvollen Beitrag zur Treibhausgasminderung in der Landwirtschaft.

Darüber hinaus verwies Horst Seide auf die zahlreichen Wärmekonzepte, die an den Biogasanlagen hängen. Ganze Ortschaften werden mit Biogaswärme beheizt, Schulen, Bäder, Turnhallen. Wenn die Bio-gasanlage nicht weiter mache bestehe die Gefahr, dass die Biogaswärme durch fossile Energie ersetzt werde, sagte der Präsident des Fachverbandes Biogas.

Die Gründe für die Stilllegung von Biogasanlagen sind vielfältig: fehlende Perspektive, ständig steigende technische Anforderungen und Auflagen sowie mangelnde Wertschätzung.

Durch diesen sich abzeichnenden Rückgang bei den Bestandsanlagen ergeben sich auch weitreichende Konsequenzen bei den im Service und im Anlagenbau tätigen Biogasunternehmen. Deren Hauptbetäti-gungsfelder verlagern sich zunehmend ins Ausland, z.B. nach Frankreich, wo aktuell neue ambitionierte Ausbauziele für Biogas und Biomethan gesetzt wurden. „Wenn jetzt keine politischen Entscheidungen getroffen werden, wird sich der Arbeitsplatzverlust und die Abwanderung von Know-how aus der Branche fortsetzen und dann auch nicht mehr zurückdrehen lassen“, warnte Seide.

Deshalb fordert der Fachverband Biogas schnellstmöglich eine Stabilisierung und Weiterentwicklung des Anlagenbestandes über die Anpassung der Ausschreibungsvolumina und der Ausschreibungsverfahren, außerdem eine Weiterentwicklung der Sondervergütungsklasse für Güllevergärungsanlagen sowie die Abschaffung des Flex-Deckels im EEG. „Die Bundesregierung muss mit der in diesem Herbst geplanten EEG-Novelle eine klare Entscheidung für eine verlässliche, erneuerbare Energieversorgung und einen starke inländische Biogasindustrie treffen“, so der Verbandspräsident.

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