Jubiläum

KNX wird 30 Jahre alt

Dass KNX ein Welterfolg ist, stellt heute niemand mehr in Frage. Das Netzwerksystem für die Gebäudeautomation feiert in diesem Jahr seinen 30. Geburtstag.

In einer Broschüre gibt Gira bereits 1995 einen Vorgeschmack auf das zukunftssichere KNX Smart Home. Quelle: Gira
In einer Broschüre gibt Gira bereits 1995 einen Vorgeschmack auf das zukunftssichere KNX Smart Home. Quelle: Gira

Eine Information von Gira, Giersiepen GmbH & Co. KG

Zu diesem Netzwerk, ursprünglich „Instabus“, danach „EIB“ und dann „Konnex“ hieß, gehören weltweit 500 470 Herstelle mit mehr als 8.000 intelligenten Produkten und zertifizierten KNX-Komponenten. Etwa 90.000 System-Integratoren und geschulte KNX-Spezialisten installieren, parametrieren und programmieren Lösungen für vernetzte Gebäudeautomation im Smart Building. Doch was heute der internationale Standard der kabelgebundenen Bus-Systeme ist, war anfänglich nur eine Idee – wenngleich eine ziemlich gute. In die Welt gebracht wurde sie von einem durchaus überschaubaren Kreis einiger Schalterhersteller aus Deutschland, genauer gesagt: fast alle aus dem Bergischen Land.

Die Pioniere von damals lassen sich benennen: Aus deutscher Sicht waren es Gira, Berker, Jung, Merten und Siemens, die 1990 mit weiteren ausländischen Firmen die EIBA gegründet hatten, die European Installation Bus Association. Die Idee dahinter ist aber noch älter, denn schon 1987 hatten sich die Geschäftsführer dieser Unternehmen zu Vorgesprächen in der Entwicklungsgemeinschaft „instabus“ getroffen. Es ging um eine Zusammenarbeit mit dem Ziel, ein herstelleroffenes System zur Steuerung von Gebäudefunktionen zu schaffen. Das Besondere daran war das gemeinsame Vorgehen von Industrieunternehmen, die im Bereich der Elektroinstallation in einem direkten Wettbewerb standen (und heute immer noch stehen). Doch das Konkurrenzdenken stand zurück hinter der Vision, mit gemeinsamen Anstrengungen und gemeinsam finanzierter Entwicklungsarbeit einen Markt zu erschließen, der damals nur in sehr bescheidenen Ansätzen vorhanden war. Auf Seiten von Gira waren es vor allem die beiden Geschäftsführer Werner und Helmut Giersiepen, die schon davor in vielen Entscheidungen ein hohes Marktgespür bewiesen hatten, und die in der Automation und Steuerung von Gebäuden im Privatbau eine große Chance sahen. Sie konnten dabei auf eine positive Erfahrung zurückgreifen, denn mit eingebunden in den Kreis der Schalterhersteller war auch die INSTA, die bereits seit den 1970er Jahren gemeinsam Entwicklungsaufträge von Berker, Jung und Gira erhalten hatte – ein überaus erfolgreiches Joint Venture, auf dem man aufbauen konnte.

Der Grundgedanke – ein herstelleroffenes System – hat bis heute uneingeschränkte Gültigkeit: Alle Entwicklungsdokumente, die ein Hersteller von KNX-Produkten benötigt, sind frei zugänglich, und zwar sowohl für die Großen als auch für kleine Nischenanbieter. Aus der Gruppe heraus hat dann Siemens den Entwicklungsauftrag und die auf fünf Jahre festgelegte exklusiven Lieferrechte für die Busankoppler erhalten. Vom Herstellerkreis wurde übrigens auch festgelegt, dass es für KNX eine einheitliche Programmiersoftware geben soll, die dann von der Dachorganisation bereitgestellt wurde – heute ist das die KNX Association. Entstanden ist so die standardisierte Engineering-Tool-Software (ETS), die ein problemloses Zusammenspiel der Komponenten verschiedener Hersteller sicherstellt und zu der es ab 1992 erste Anwenderschulungen gab.

Gebäudeautomation aus dem Bergischen Land

Gira verfolgte vor allem die Idee, die Gebäudesteuerung zentral zu visualisieren und an das seit Ende der 1980er Jahre rasant wachsenden World Wide Web anzukoppeln – die Geburtsstunde des Gira HomeServers schlug 1998 und wurde anfangs von Markus Fromm-Wittenberg betreut. In der allerersten Version war das noch eine reine Software auf einer CD, die über Windows 95 auf einem Rechner lief und per Modem angesteuert werden konnte. Der HomeServer 2 besaß zwei Jahre später erstmals ein festes Gehäuse, lief mit Linux und konnte bereits über ISDN direkt ins Internet gehen – seinerzeit das erste Gerät, das eine Internetanbindung für die Gebäudetechnik bereitstellte.

Die Fertigung der frühen HomeServer erfolgte ausschließlich bei der DaCom Database Computing GmbH, deren Anfänge in der Industrieautomation liegen und die sich seit 1995 auf Software für Haus- und Gebäudeautomation spezialisiert hatte. Ab der HomeServer-Version 3 hat Gira dann ein eigenes Gehäuse eingesetzt, DaCom war aber weiterhin exklusiv für die Programmierung zuständig. Wichtig für Gira war stets die Kompatibilität der regelmäßigen Updates, was vor allem von den System-Integratoren hoch geschätzt wurde (und noch immer geschätzt wird).

Einen Schub für die Gebäudetechnik bedeutete zweifellos die Einbindung erst von Handys, später dann von Smartphones. Letztere trugen wesentlich zur Beschleunigung der Bedienung und zur Verbesserung der Visualisierung bei, über das iPhone von Apple hielten auch die Apps Einzug in die Gebäudesteuerung. Auf der System-Integratoren-Tagung 2008 in der BMW Welt stellte Gira das Interface für den HomeServer vor, eine professionelle Bedienoberfläche, die nicht nur auf den Wandbediengeräten Gira Control 9 und Gira Control 19 läuft, sondern auch auf Smartphones und Tablets.

30 Jahre KNX – im Rückblick eine Erfolgsgeschichte sondergleichen. Die aber auch Probleme aufwarf, wie Dipl.-Ing. Karl Harald Kleinert, Trainer der Gira Akademie, aus eigener Erfahrung weiß. Denn das Elektrohandwerk war auf diesen, auch technischen Quantensprung, der Gebäudeautomation nicht vorbereitet. Gira entwickelte daraufhin verschiedene Lösungskonzepte, beispielsweise die Schulung eigener Vertriebsmitarbeiter speziell für die Gebäudetechnik, die sogenannten Vertriebsingenieure, die das Handwerk vor allem bei der Programmierung und Beratung unterstützen konnten.

Ein wichtiger Hebel bei der Marktdurchdringung war außerdem das Konzept der System-Integratoren, das 2005 Gestalt annahm. Hier versammelten sich diejenigen Elektromeister und -planer, die schon früh das Potenzial von KNX als Marktzugangsschlüssel zum Smart Home erkannt hatten, und Ingenieurbüros, die aus dem Gewerbe- und Industriebau erprobte Lösungen auch in den Privatbau übertragen wollten. Hinzu kam eine breite Schulungsinitiative in allen Bereichen von KNX, die heute in der Gira Akademie zusammengefasst ist. Hier hat trotz aller Anstrengungen aber die Zeit Gira in die Hände gespielt. Denn ganz wesentlich zur Akzeptanz der intelligenten Gebäudetechnik beigetragen hat die allgemeine Entwicklung der modernen Kommunikation vom E-Mail bis zum Smartphone, deren alltäglicher Gebrauch stetig wuchs. Heute legt die berufsschulische Ausbildung ein ganz anderes und sehr viel breiteres Fundament und liefert damit ein Vorwissen, dass sich jeder aufgeschlossene Elektromeister zu Beginn von KNX noch mühsam erarbeiten musste.

Karl Harald Kleinert fasst die 30 Jahre Entwicklung von KNX aus seiner Sicht zusammen: „Wenn ich diese Zeitspanne von ihrem Anfangs- und Endpunkt her betrachte, ist der Unterschied gewaltig. Während heute Gebäudetechnik für die Digital Natives das Selbstverständlichste von der Welt ist, so war es vor dreißig Jahren eine unserer ersten Aufgaben, dem Handwerker beizubringen, den PC als Werkzeug zu gebrauchen.“ Durchaus selbstkritisch merkt Kleinert aber auch an, dass bei allen Beteiligten fast ausschließlich der Elektromeister im Fokus der Vermarktung stand, während der Endkunde als treibende Marktkraft zu lange außer Acht blieb. Diese zu einseitige Tendenz hat Gira längst korrigiert, ganz aktuell etwa durch den neuen Markenauftritt, der primär auf den Endanwender zielt, was letztlich dem Elektrofachhandwerk zu Gute kommt.

Für das Unternehmen ist die Geschichte des KNX untrennbar mit der des Gira HomeServers verbunden, der bis heute ein Alleinstellungsmerkmal im Markt besitzt, kontinuierlich weiterentwickelt und mit Updates versehen wird. Ihm zur Seite gestellt haben die Entwickler aus Radevormwald inzwischen den Gira X1. Der kompakte Server ist seit 2017 im Markt und wurde erst in diesem Jahr in seinem Funktionsumfang erheblich erweitert. Der Grund für einen neuen, zweiten Server war eine rationale Marktentscheidung mit dem Ziel, ein weiteres Marktsegment zu erschließen. Denn während der HomeServer auf das Premiumsegment des Smart Homes zielt und dort praktisch unverzichtbar ist, eignet sich der X1 eher für kleinere Objekte und weniger komplexe Lösungen. Denn inzwischen ist ein Smart Home kein Luxus mehr, sondern in der Breite angekommen.

 

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