Standpunkt

Deutschland muss die Wärmewende beschleunigen

„Für den Klimaschutz müssen Bestandsgebäude weitgehend erhalten bleiben“, sagt das Deutsche Energieberater-Netzwerk DEN e.V.

Dipl.-Ing. (FH) Hermann Dannecker, Vorstand DEN e.V. Quelle: DEN e.V. | Kerstin Jana Kater
Dipl.-Ing. (FH) Hermann Dannecker, Vorstand DEN e.V. Quelle: DEN e.V. | Kerstin Jana Kater

Erheblichen Regelungs- und Gestaltungsbedarf sieht das Deutsche Energieberater-Netzwerk DEN e.V. im neuen Jahr 2023 auf die baupolitisch Verantwortlichen in Bund, Ländern und Kommunen zukommen. „Der Gebäudesektor hat die ihm vorgegebenen Klimaziele im vergangenen Jahr erneut gerissen“, stellt der DEN-Vorsitzende Dipl.-Ing. Hermann Dannecker fest. „Dies kann so nicht bleiben, weil wir ansonsten unsere gesamten nationalen und internationalen Klimaziele nicht erreichen werden. Angesichts eines erheblichen Neubaubedarfs – insbesondere bei Sozialwohnungen – und einer weiterhin ungenügenden Sanierungsquote im Bereich der Bestandsgebäude wäre eine Bau- und Förderpolitik aus einem Guss dringend notwendig.“

Nach Schätzungen der Berliner Denkfabrik Agora Energiewende wurden 2022 mit 113 Mio. t CO2 im Gebäudebereich 5 Mio. t mehr als veranschlagt ausgestoßen. Der Emissionsrückgang von 7 Mio. t CO2 im Vergleich zum Vorjahr ist nach diesen Berechnungen auf Einsparungen beim Erdgasverbrauch zurückzuführen, die wiederum durch den Krieg in der Ukraine und die damit zusammenhängende Umgestaltung der deutschen Gasversorgung verursacht wurden. Jahrelange Versäumnisse bei der Wärmewende hätten allerdings zu diesem wiederum unzureichenden Ergebnis beigetragen, stellt die Analyse fest.

„Wir dürfen uns nicht an solche Negativnachrichten gewöhnen“, sagt der DEN-Vorsitzende Dannecker. „Diese Zahlen sollten uns wirklich aufrütteln und deutlich machen, dass endlich mehr geschehen muss als bisher. Fördergelder allein sind keine Allheilmittel. Angesichts explodierender Baukosten und fehlender Fachkräfte – insbesondere im Handwerk, aber auch bei der Energieberatung – müssen wir umdenken.“

Dannecker plädiert dafür, dem Erhalt von Bestandsgebäuden mehr politisches Gewicht zu geben. „Jedes Gebäude, das nicht abgerissen, sondern saniert und eventuell durch Aufstockung ausgebaut wird, spart ein erhebliches Potential an CO2. Der sogenannten ‚grauen Energie‘, die beim Bau eines jeglichen Gebäudes anfällt, wird noch längst nicht genügend Aufmerksamkeit gewidmet in Politik und Öffentlichkeit. Dabei liegt es auf der Hand, dass erhebliche Mengen an Treibhausgasen imitiert werden, wenn bestehende Gebäude abgerissen und anschließend durch Neubauten ersetzt werden. Bevor diese Emissionen durch moderne Technik und Energieeffizienzmaßnahmen wieder eingespart werden, vergehen viele Jahre.“

Dannecker spricht sich dagegen aus, Umweltschutz und Klimastandards aufzuweichen. Im Gegenteil müsse man sie noch ambitionierter weiterverfolgen. „Wir müssen die Wärmewende im Gebäudebereich in Deutschland beschleunigen und versuchen, dem allgemeinen Fachkräftemangel zum Trotz unsere Klimaziele zu erreichen. Dabei sollten wir insbesondere Techniken der Digitalisierung nutzen und uns auch an guten Vorbildern im benachbarten Ausland orientieren. Hier spielen beispielsweise Wärmepumpen bereits in viel größeren Maß als bei uns zentrale Rollen bei der Gebäudeheizung. Es ist zwar zu begrüßen, dass auch in Deutschland strengere Vorschriften zur Nutzung erneuerbarer Energien bei der Heizung von Gebäuden erlassen wurden. Aber die Holländer, Österreicher, Dänen und insbesondere die Norweger machen uns vor, wie es noch deutlich effizienter geht. Von ihnen können und sollten wir lernen.“

Das Deutsche Energieberater-Netzwerk versuche im Dialog und im Erfahrungsaustausch mit Kolleginnen und Kollegen aus anderen europäischen Ländern, seinen Beitrag zu dieser international relevanten Thematik zu leisten, so Dannecker: „Was die Umsetzung der vereinbarten Klimaziele vor Ort auf den Baustellen angeht, sollten wir die berühmte Kirchturmperspektive aufgeben und stärker über die Grenzen schauen. Unsere Nachbarn machen uns vielfach vor, wie es politisch und technisch gehen kann.“

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