Kein trockener Stoff

In der tgabar entsteht ein Standardwerk

Wie vieles in unserer komplexen Welt, ist auch die Technische Gebäudeausrüstung nicht mehr, was sie früher einmal war. Das ist keinesfalls nostalgisch oder negativ gemeint, impliziert jedoch Herausforderungen und verlangt Transformationen. Nicht alle Fragen kann „der Markt“ lösen und, wie schon zuvor in dieser Publikation berichtet, erreicht Kollaboration manchmal weit mehr als Konkurrenz.

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120 Interessierte reisten zur dritten tgabar Konferenz an. Das denkmalgeschützte Betriebswerk Heidelberg, das 1908 als Teil der wachsenden Eisenbahninfrastruktur der Stadt entstand, wird seit einigen Jahren als Kultur- und Bürostandort saniert und durch moderne Bauten ergänzt. Bild: tgabar e.V.
120 Interessierte reisten zur dritten tgabar Konferenz an. Das denkmalgeschützte Betriebswerk Heidelberg, das 1908 als Teil der wachsenden Eisenbahninfrastruktur der Stadt entstand, wird seit einigen Jahren als Kultur- und Bürostandort saniert und durch moderne Bauten ergänzt. Bild: tgabar e.V.

Treffen sich ein Planer, ein Projektsteuerer und ein Bauüberwacher in einer Bar. Nein, das wird kein Witz, sondern der Anfang zu einem Buch und es ist keine Fiktion, sondern trug sich vor Pfingsten in Heidelberg zu. Es trafen sich aber nicht jeweils nur einer von jeder Sorte in der Bar, sondern einige viele. Es waren nicht nur Repräsentanten des männlichen Geschlechts dabei, sondern auch einige Frauen. Und es kamen auch nicht nur drei Kategorien der TGA-planenden Zunft zusammen, sondern einige mehr. Das Treffen war eine Konferenz und die Bar ist ein Verein. Wahr ist, dass es bei aller ernsthaften Arbeit kein Witz, aber ein Spaß für die Beteiligten wurde. Wahr ist weiterhin, dass nach Strömen von Capucchino und Rhabarberlimonade im Café am Ende des ersten Tages auch interessante Cocktails an der Konferenzbar ausgeschenkt wurden.

Wie kommt bei alledem das Buch ins Spiel? Es ist das Werk, das auf der Konferenz der tgabar im Betriebswerk in der Heidelberger Bahnstadt entstehen sollte.

Bar mit Ausblick

Der tgabar e. V. ist der einzige Verein zur TGA-Planung im DACH-Raum. Entscheidend angetrieben vom Vorstandsvorsitzenden Roman Fritsches-Baguhl, wurde er nach zwei Jahren Vorlaufphase im Jahr 2023 in Berlin von elf engagierten Angehörigen der Zunft gegründet. Zweck ist die Förderung von Berufsbildung, Wissenschaft und Forschung im Bereich der TGA. Die Satzung listet im Detail:

  • Förderung der Forschung und Wissenschaft
  • Durchführung wissenschaftlicher Veranstaltungen
  • Förderung der Bau- und Planungskultur durch fachspezifische Forschung
  • Unterhaltung und Förderung von Fach- und Expertenkreisen aus Wissenschaft und Wirtschaft zu den Themen der TGA-Fachplanung
  • Förderung der Aus- und Weiterbildung von TGA-Planenden.

Inzwischen hat das Netzwerk ca. 130 Mitglieder, darunter mehr als 90 Ingenieurbüros der TGA-Planung, CAD-Büros sowie Generalplanende mit eigener TGA-Planungsabteilung. Diese Büros vereinen mehrere tausend Mitarbeitende. BauherrInnen, die Wissenschaft und Forschung im Bereich der TGA-Planung fördern möchten, sowie Auszubildende und Studierende sind ebenfalls willkommen.

Vorstände, Bar-Keeper und Konferenz-Organisierende, v. l. n. r.: Roman Fritsches-Baguhl, Berker Yilmaz, Sarah Tax, Claudius Schade, Christopher Duftschmid. Bild: tgabar e.V.

Das Bar-Thema zieht sich als ein roter Faden durch die Organisation. So gibt es verschiedene „tgabars“ zu Themen wie Forschung und Standards, Aus- und Weiterbildung sowie Netzwerk und New Work, die unter sich inzwischen 13 Lounges vereinen. Dort tauscht man sich beispielsweise zu Building Information Modeling (BIM), Künstlicher Intelligenz (KI), Berufsschulen, Elektrotechnik, Gebäudeautomation oder kreislaufgerechtem Bauen aus, entwickelt Standards, Planungshilfen oder Ausbildungsprogramme und forscht an Innovationen. Geleitet und moderiert werden die Bars von Bar-Keepern. Die Portale und Programme für die Weiterbildung laufen unter der Überschrift Azubi-Bar oder Studi-Bar. In Podcasts lässt sich fachlich fokussierten, aber dennoch lockeren Bargesprächen lauschen. Regionalgruppen treffen sich zu Happy Hours.

The bar is high

Dieses „high“ hat nichts mit Drogen zu tun, aber die Messlatte liegt in der Tat hoch – für den Verein, die Mitgliedsunternehmen und auch für diese dritte Konferenz. Die Frauen und Männer, die sich im Betriebswerk versammelt haben, ließen den Wettbewerb ihrer Planungsunternehmen zuhause, denn die Herausforderungen, um die es hier geht, betreffen die gesamte Branche gleichermaßen. Dazu zählen die zunehmende Komplexität von Bauvorhaben, der wachsende Fachkräftemangel, der Einzug und die exorbitant schnelle Entwicklung von Arbeitsmethoden wie BIM und KI, sowie nicht zuletzt eine Berufs- und Hochschullandschaft, die mit dem Tempo der Veränderungen nur eingeschränkt mithält. Ganz zu schweigen von Problemen wie Klimawandel, Erfordernissen wie Kreislaufwirtschaft, Energie- und Ressourceneffizienz und einer zahlreichen Einflüssen unterliegenden Regulatorik, die zum Teil hohe Flexibilität von Planungsbüros verlangt.

Gemeinsam ist man effektiver. Deshalb werden Netzwerken und Austausch gepflegt. Dies erfolgt nicht zuletzt in den Regionalgruppen, die sich mit steigender Mitgliederzahl nach und nach herauskristallisiert haben (die bislang fehlende Gruppe Ost gründete sich just in Heidelberg). Regionale Zusammenarbeit macht es einfacher, regelmäßig online und persönlich konkrete Fragen zu besprechen und Lösungen zu finden.

Wo fehlt’s uns denn?

Dem Austausch der Regionalgruppen des Vereins wird am Vormittag des ersten Konferenztags auch in Heidelberg Raum und Zeit gegeben. Eines der besonders dringenden Themen scheint die Nachwuchsgewinnung zu sein. Alle brauchen neue BerufsanfängerInnen. Viele der vor Ort vertretenen Büros bilden aus, nahezu jedes arbeitet mit Azubis und/oder AbsolventInnen.

Was in den Gesprächen deutlich wird: Fachleute für technische Berufe werden intensiv gesucht und gut bezahlt. Die Technische Gebäudeausrüstung ist buchstäblich in jedem Haus zuhause, wird täglich benutzt, aber oft nur bemerkt, wenn sie nicht richtig funktioniert, und sie ist ein Kernelement beim Klimaschutz im Gebäudesektor. Trotzdem interessieren sich Kinder und Jugendliche nicht unbedingt von sich aus dafür. Es gibt nicht genügend Auszubildende und Studierende im Bereich SHK, CAD und TGA – und selbst von dieser begrenzten Zahl scheinen nicht wenige erst auf dem Umweg über Maschinenbau oder Energietechnik in die Technische Gebäudeausrüstung zu finden. Beklagt wird auch, dass Ausbildung und Studium vielfach nicht ausreichend praxisnah aufgestellt sind, so dass beim Eintritt ins Berufsleben oft noch vieles fehlt.

Was also ist zu tun? Bei Fragen bleibt es nicht: Im tgabar e. V. und speziell in der tgabar Bildung werden konkrete Ideen entwickelt und Projekte auf den Weg gebracht: Manche lassen berechtigt schnelle Erfolge erwarten. Andere brauchen einen langen Atem, etwa wenn es darum geht, Schülerinnen und Schüler zu sensibilisieren, die vielleicht erst in zehn Jahren tatsächlich als IngenieurInnen zur Verfügung stehen.

Barcamp, Bootcamp, Workcamp

War man bei den vorangegangenen Treffen des tgabar e. V. zunächst damit befasst, sich zu konstituieren, Mitglieder zu gewinnen, Ziele zu formulieren, Pläne zu schmieden und eine Reihe von Lounges zu gründen, die sich mit Themen der TGA-Fachplanung auseinandersetzen, geht es auf der diesjährigen dritten Konferenz um einen neuen handfesten Meilenstein: Beim Workcamp im Betriebswerk soll ein Standardwerk für die TGA-Fachplanung entstehen. Es soll in einige der Bereiche eintauchen, die sich in den Jahren nach der Vereinsgründung als relevant für die planenden Unternehmen gezeigt haben und dazu Fachwissen und Handlungsempfehlungen bereitstellen: Bildung und Ausbildung, Büro- und Projektleitung, Bauüberwachung, KI in der TGA, Elektrotechnik sowie BIM und Smarter planen.

Das Workbook oder die Arbeitsanleitung soll somit mindestens sechs Kapitel und eine noch zu bestimmende Zahl an Unterkapiteln umfassen und in zwei bis drei Monaten druckreif sein. Dieses Standardwerk soll im Übrigen kein statisches Produkt bleiben, sondern auch künftig fortentwickelt werden können. Dabei wird nicht von Null gestartet, denn vieles ist bereits niedergeschrieben und wird auch in der Praxis angewendet.

Mit Code und App in vier Phasen zum Entwurf

Der Plan für die Entwicklung des Kompendiums sieht wie folgt aus: Während der zwei Konferenztage erarbeiten die etwa 120 Konferenzteilnehmenden in sechs Lounges (eine pro Themenschwerpunkt) über vier Arbeitsphasen hinweg (Einstieg, Sammeln, Verdichten, Ergebnisübergabe) die Kapitelinhalte, die am Ende den fertigen Entwurf für ein Buch ergeben sollen.

Der Konferenzmoderator erläutert die Arbeitsphasen für die Schaffung des neuen TGA-Workbooks. QR-Codes wie auf der Folie führen per Smartphone in die Details. Bild: tgabar e.V.

Keine Bar-Codes, sondern QR-Codes, die an Türen, Wänden oder auf Tischplatten kleben, führen in die Konferenzagenda und in die App, die alle Datensammlungen, Tabellen, Grafiken für die Kapitel abbildet. Oder auch in die Zusatzaufgabe: Bei dieser ist man eingeladen, unter Dauereinsatz des Mobiltelefons diverse Challenges zu absolvieren, die die Kontakte untereinander und zu den Sponsoren beflügeln sowie reichlich Fotomaterial für die internen und externen Kommunikationskanäle generieren sollen. Das Ganze wird mit Punkten und am Ende mit einem Preis honoriert. Bei all dem herzerwärmenden Miteinander haben Wettbewerb und Konkurrenz also auch ihren Platz.

Kollaborativ und mit KI durchs Ziel

Das gemeinsame Arbeiten an den Thementischen in den Lounges unterscheidet sich signifikant vom einsamen Grübeln am Schreibtisch im Büro und so wundert es kaum, dass Ideen auch in den Pausen hin und her geworfen, eingefangen und weiterentwickelt werden.

Angelika Csoti, BIM Managerin bei der Sprinkenhof GmbH, und Reinhard Wimmer, Professor an der Hochschule Karlsruhe und Bar-Keeper der Lounge BIM und TGA, präsentieren das fertige Kapitel BIM. Bild: media2business GmbH

Am Ende zweier betriebsamer und kurzweiliger Tage stehen dann in der Tat die Entwürfe für sechs Kapitel mit jeweils mehreren zehn Seiten, die die ModeratorInnen in der abschließenden Ergebnis-Show präsentieren. Diese Menschen haben zudem großen Anteil am Erfolg des Unterfangens, denn sie sorgten dafür, dass die Tafelrunden am Thema blieben, Wortbeiträge und Stichpunkte sorgfältig dokumentiert wurden und die KI aus dem Rohstoff schließlich einen methodisch und fachlich weitgehend sinnvollen Textentwurf zusammenfügte.

Berker Yilmaz, Geschäftsführer der CAD-Agentur Lehmann GmbH und Moderator der Lounge Bildung stellt den Kapitelentwurf inklusive einer Themenmatrix für die Fachthemen in der Weiterbildung vor, der in den vier Arbeitsphasen der Konferenz entstand. Bild: tgabar e.V.

Ohne gute Vorbereitung, Struktur, Prompts und einige Nacharbeit funktioniert das jedoch nicht, denn erfahrenen KI-Nutzenden zufolge erzeugt die Maschine bei gleichem Basisinhalt oft doppelt so viel Text. Zudem entspricht das Resultat nicht immer und durchgehend dem, was gesagt werden soll. In jedem Fall darf man gespannt sein auf das finale Werk (das um ein Poster erweitert wird).

Die Lounge Büro- und Projektleitung trug das Kapitel mit der bei weitem höchsten Anzahl von Unterkapiteln und den meisten Buchseiten zusammen. Eine KI, die auf dieser Basis die Komplexität der TGA-Fachplanung illustrieren sollte, produzierte mehrere Wimmelbilder mit exponentiell zunehmender Detailtiefe. Bild: KI-generiert von tgabar e.V.

Künstliche Intelligenz – in Form eines IT-basierten Zufallsgenerators – muss schließlich auch bemüht werden, um die SiegerInnen der Zusatzaufgabe zu bestimmen, denn am Ende des Rennens haben gleich sechs KämpferInnen volle Punktzahl und damit den obersten Listenplatz erreicht.

Eines für alle

Angesichts der beschriebenen Konferenzmethodik kann an dieser Stelle nur ein kleiner Ausschnitt des komplexen Geschehens wiedergegeben werden – die Autorin zog es in die Lounge, die das Kapitel Bildung diskutierte, und dort blieb sie dann auch bis zum guten Schluss hängen.

Vielleicht zoomen Sie aber demnächst selbst einmal in Ihr dringlichstes oder liebstes Feld der TGA-Fachplanung hinein. Die tgabar ist im Web zu finden, die Konferenz gibt es wieder im Mai 2027 und das Workbook schon bald.

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M.Sc., Dipl.-Ing. (FH) Silke Schilling

Dipl.-Ing. Silke Schilling
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In der tgabar entsteht ein Standardwerk
Seite 12 bis 15
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