Neue Wege im Bundesbau

Neubau des Paul-Ehrlich-Instituts in Langen

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Das „alte“ Gebäudeensemble des Paul-Ehrlich-Instituts in Langen mit Blick auf den zukünftigen Standort des Neubaus. Bild: Paul-Ehrlich-Institut
Das „alte“ Gebäudeensemble des Paul-Ehrlich-Instituts in Langen mit Blick auf den zukünftigen Standort des Neubaus. Bild: Paul-Ehrlich-Institut

Komplexe und technisch anspruchsvolle Baumaßnahmen der öffentlichen Hand innerhalb des Kosten- und Terminrahmens zu realisieren, stellt in der konventionellen vertraglichen Abwicklungeine besondere Herausforderung dar, die nicht immer bewältigt wird. Mit dem innovativen Modell der integrierten Projektabwicklung und kollaborativen Elementen wie Lean Construction und BIM haben es sich die Beteiligten des Projekts „Neubau des Paul-Ehrlich-Instituts in Langen“ zur Aufgabe gemacht, eben dies (wieder) zu erreichen: eine wirtschaftliche und termingerechte Projektrealisierung.

Die Bundesanstalt für Immobilienaufgaben beabsichtigt, einen Neubau für das Paul-Ehrlich-Institut in Langen (Hessen) in unmittelbarer Nähe zum bestehenden Standort errichten zu lassen.

Das Paul-Ehrlich-Institut ist als Bundesinstitut für Impfstoffe und biomedizinische Arzneimittel eine Bundesoberbehörde im Geschäftsbereich des Bundesministeriums für Gesundheit (BMG). Es erforscht und bewertet biomedizinische Humanarzneimittel und immunologische Tierarzneimittel und lässt diese zu. Das Paul-Ehrlich-Institut ist für die Genehmigung klinischer Prüfungen sowie die Pharmakovigilanz (Sicherheitsbeobachtung von Arzneimitteln) zuständig. Zu den weiteren Aufgaben des Instituts gehören die staatliche Chargenprüfung, wissenschaftliche Beratung und Inspektionen. Unverzichtbare Basis für die vielseitigen Aufgaben ist die eigene experimentelle Forschung auf dem Gebiet der Biomedizin und der Lebenswissenschaften. Das Paul-Ehrlich-Institut nimmt zudem Beratungsfunktionen im nationalen und internationalen Umfeld wahr.

Anforderungen an den Neubau

Viele Gründe machen einen Neubau erforderlich: Sowohl die Bausubstanz als auch die gesamte technische Ausrüstung des derzeitigen Gebäude- und Laborkomplexes müssen durch aufwändige Wartungs- und Instandsetzungsmaßnahmen erhalten werden. Technische Komponenten sowie die Laborausstattung werden innerhalb der nächsten Jahre abgängig sein. Der Gebäudebestand weist zudem nicht die notwendige zukunftsfähige Flexibilität auf. Darüber hinaus fehlen am Standort dringend benötigte Erweiterungsflächen. Mit dem Neubau stellt das Paul-Ehrlich-Institut sicher, auch in Zukunft als wissenschaftlich arbeitendes Bundesinstitut seine Amtsaufgaben erfüllen zu können.

Die Maßnahme umfasst rund 31.000m² Nutzungsfläche und gliedert sich in Labor- und Bürobereiche, Tierhaltung, öffentliche Bereiche (Hörsaal, Museum, Cafeteria), Logistik und eine Parkgarage. Hinzu kommen die Freianlagen auf dem ca. 65.000m² großen Grundstück in Langen. Die künftige Bebauung des Paul-Ehrlich-Instituts wird getrennt nach Funktionen und Sicherheitsstufen konzipiert und soll modular aufgebaut werden, so dass zukünftige Anpassungen an jeweils aktuelle Standards und eventuelle Nutzungsänderungen innerhalb der Laborbereiche gleicher Funktion und Sicherheitsstufe möglich sind. An das Projekt werden hohe Anforderungen im Bereich Nachhaltigkeit, insbesondere mit Blick auf die Energie- und Ressourceneffizienz gestellt. Für die Erfüllung der Nachhaltigkeitsziele werden das Bewertungssystem Nachhaltiges Bauen (BNB) mit dem Anforderungsniveau Silber sowie der Standard EffizienzgebäudeBund 40 (EGB 40) angewendet.

Luftbild mit Darstellung des Grundstücks für das neue Paul-Ehrlich-Institut Bild: Hessische Verwaltung für Bodenmanagement und Geoinformation

Eckpunkte für die Technische Gebäudeausrüstung

Die Versorgung mit Wärme, Kälte, Dampf und Strom des Paul-Ehrlich-Instituts soll ebenso wie bei den Bestandsgebäuden durch die Energiezentrale der benachbarten Deutschen Flugsicherung erfolgen. Die Verteilung der Medien ist von der neu zu errichtenden Medienübergabestation mittels eines Ringkanals auf dem Grundstück vorgesehen. Die Infrastruktureinrichtungen (u.a. Lüftungsbauwerke, Trafobauwerke, Schächte) sollen sich ebenso wie die Begrünung der Dächer und die Anlagen der Regenwasserbewirtschaftung in das Freiraum- und Vegetationskonzept einfügen.

Durchführung und Vertragsmodell

Der Neubau des Paul-Ehrlich-Instituts in Langen soll als integrierte Projektabwicklung (IPA) auf der Grundlage eines Mehrparteienvertrags (MPV) umgesetzt werden. Vertrauen, Zusammenarbeit und Transparenz bilden hierbei das Fundament für ein gutes Gelingen und den Projekterfolg. Dafür werden Vertragspartner gesucht, die – ebenso wie die Beteiligten auf der Seite des Bauherrn – offen sind für neue, kooperative und integrative Arbeitsweisen.

Im Modell der integrierten Projektabwicklung werden die Rahmenbedingungen wie die Kultur, die Organisation, die Ökonomie und die Methoden so ausgestaltet, dass die Zusammenarbeit der Projektbeteiligten die Erreichung der Projektziele fördert.

Mit der neu aufgesetzten Reform Bundesbau im Jahr 2022 wurden die Richtlinien für die Durchführung von Bauaufgaben des Bundes neu gefasst (neue RBBau) und der Erfolg der Bauprojekte in den Mittelpunkt gestellt. Ebenso wie bei der integrierten Projektabwicklung werden auch hier Vertrauen, Zusammenarbeit und Transparenz als Schlüssel für den gemeinsamen Projekterfolg hervorgehoben. Die neue RBBau bietet somit den idealen Rahmen für die Durchführung des Projekts im neuen Modell der integrierten Projektabwicklung.

Die rechtliche Grundlage für die integrierte Projektabwicklung bildet der so genannte Mehrparteienvertrag, in dem alle Schlüsselbeteiligten als Vertragspartner gebunden werden. Der Mehrparteienvertrag ist darauf ausgerichtet, dass die Vertragspartner auf Basis gemeinsamer Projektgrundsätze und in enger partnerschaftlicher Zusammenarbeit den Projekterfolg als gemeinsames Ziel verfolgen. Als wesentliches Element soll die Expertise der ausführenden Gewerke bereits in die Planung einfließen können, um so in unmittelbarer Zusammenarbeit mit dem Objekt- und den Fachplanenden die Planungs- und Ausführungsqualität zu erhöhen und den gesamten Planungsprozess effektiver zu gestalten. Dabei synchronisieren die Vertragspartner des Mehrparteienvertrages ihre Arbeitsschritte mit dem Ziel, das Projekt bestmöglich vorzubereiten, zu planen und umzusetzen. Neben dem Bauherrn sollen an dem Mehrparteienvertrag etwa sechs bis acht Auftragnehmer als Partner beteiligt werden. Derzeit sind drei planende Schlüsselpartner und drei bis fünf Schlüsselpartner der Ausführungsgewerke vorgesehen.

Projektablauf in den Projektphasen 0–4

Der gemeinsamen Validierungs- und Planungsphase geht ein RPW-Realisierungswettbewerb mit Ideenteil für die erweiterte Objektplanung voraus. Die Entscheidung über die Preisträger erfolgt im Herbst 2023. Daran schließen zunächst die Verhandlungsverfahren der drei planenden Partner, also die erweiterte Objektplanung, die erweiterte Fachplanung technische Ausrüstung sowie die Labortechnikplanung an. Die Teilnahmewettbewerbe für die erweiterte Fachplanung technische Ausrüstung und für die Laborplanung sollen im 3. Quartal dieses Jahres gestartet werden. Nach Vertragsschluss soll in einer vorgelagerten Phase 0 der Entwurf des ausgewählten Preisträgers unter Berücksichtigung der Vorgaben des Bauherrn im Bauherrenprogramm mit den spezifischen Anforderungen der Technik und insbesondere der Laborplanung als eine Art vertiefte Machbarkeitsuntersuchung analysiert werden. Zusammen mit dem Wettbewerbsergebnis stellt dies die Grundlage für die anschließend durchzuführenden Vergabeverfahren für die Auswahl und Beauftragung der ausführenden Partner dar.

Projektphasen der integrierten Projektabwicklung im Projekt PEI Neubau Langen Bild: LBIH Neubauleitung PEI

Validierung

Mit dem Beitritt der weiteren Partner beginnt in 2025 die Validierungsphase als Phase 1. Sie hat das Ziel, die qualitativen, quantitativen, zeitlichen und finanziellen Vorgaben des Bauherrn in einem fortgeschriebenen Bauherrenprogramm, einschließlich der Festlegung der Basiszielkosten, zu bestätigen. Letztere bestehen aus den geplanten Selbstkosten des Vorhabens und dem so genannten Chancen-Risiko-Pool. Der frühe Zusammenschluss von Planerteam und den ausführenden Unternehmen stellt sich insbesondere bei den vielen technischen Spezialthemen der verschiedenen Labornutzungen und Sicherheitsstandards bis Sicherheitsstufe 3 unter Einhaltung der Anforderungen, u.a. des Gentechnikgesetzes und der Biostoffverordnung, als großer Vorteil dar.

Genehmigungsfertige Planung

Die 2. Phase beinhaltet alle weiteren Planungsleistungen, unter Mitwirkung aller Partner, bis mindestens zum Abschluss der Genehmigungsplanung. Das Basisprogramm bestimmt dabei den Rahmen für die zu erbringenden Leistungen. Innerhalb dieses Rahmens legen die Partner den konkretisierten Leistungsumfang der einzelnen Partner nebst Schnittstellen gemeinsam fest. Das Basisprogramm wird in dieser Phase gemeinsam weiterentwickelt, detailliert und optimiert.

Umsetzung

Die Phase 3 als Realisierungsphase umfasst die Ausführungsplanung, die Bauausführung und die Inbetriebnahmephase. Phase 3 endet mit der rechtsgeschäftlichen Abnahme.

Gewährleistung

Die 4. Phase bildet die Mängelgewährleistungsphase nach Fertigstellung und Abnahme der Leistungen.

Projektorganisation

Im Zuge einer kooperativen Projektorganisation wird ein Projektmanagementteam (PMT) eingerichtet, in dem alle Partner des Mehrparteienvertrags vertreten sind und das in allen für die Projektausführung relevanten Fragen grundsätzlich einstimmig und im Sinne des „Best for Project“ entscheidet. Das bedeutet, Entscheidungen werden zielführend und im Sinne des Projekts anstelle von Einzelinteressen der Partner getroffen. Daneben wird ein Seniormanagementteam (SMT) als Eskalationsebene und für übergeordnete Themen eingerichtet, in dem ebenso alle Partner vertreten sind. Die konkreten Projektaufgaben werden in Projektimplementationsteams (PIT) bearbeitet, die themenbezogen vom PMT eingerichtet und besetzt werden.

Im Projekt ist zudem die Anwendung von kollaborativen Projektmanagementmethoden und Lean Construction vorgesehen. Ihre Umsetzung und der dadurch gesetzte Fokus auf Effizienz und Zuverlässigkeit ist ein wesentlicher Bestandteil für den Erfolg der integrierten Projektabwicklung. Auch der Einsatz von BIM wird durch das neue Abwicklungsmodell gefördert und bietet für Gebäude mit einem hohen Technikanteil, wie es für den Neubau des Paul-Ehrlich-Instituts zutrifft, ein großes Potenzial für eine Qualitätssicherung bereits in der Planung. Die Projektbeteiligten auf Seiten des Auftraggebers freuen sich darauf, das Modell der integrierten Projektabwicklung anzuwenden und den Neubau des Paul-Ehrlich-Instituts gemeinsam auf Augenhöhe zu realisieren.

Mirka Greiner

Mirka Greiner
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Neubau des Paul-Ehrlich-Instituts in Langen
Seite 19 bis 21
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