Die Autorin: Bärbel Rechenbach, freie Baufachjournalistin, Berlin
Holz – in Kombination mit Beton – gewinnt zunehmend an Bedeutung. Ein besonders ambitioniertes Beispiel dafür ist das Wohnquartier „Buwog Hygge Höfe“ im Berliner Stadtteil Kaulsdorf. Auf einem rund 14.000 Quadratmeter großen Grundstück nahe der S-Bahn-Station Kaulsdorf entstand in der Münsterberger Straße ein Ensemble aus 18 Reihen- und Doppelhäusern sowie sieben Mehrfamilienhäusern. Zuvor befand sich hier ein stark sanierungsbedürftiger, langgestreckter fünfgeschossiger Plattenbau und dahinter ein kleines Gewerbegebiet.
Entwickelt wurde das neue Quartier mit 166 Wohneinheiten von der Buwog Bauträger GmbH, Berlin gemeinsam mit der Swp Gesellschaft für nachhaltige Bauplanung mbH Berlin, dem Holzbauer Knauf Elements GmbH & Co. KG., Neuruppin sowie der Conex Baugesellschaft GmbH, Berlin. Als Mitglied der „Koalition für HOLZBAU“ will die Buwog den Holzbau forcieren und etwa 20 Prozent ihrer rund 55.000 Wohnungen in Bau und Planung in Hybridbauweise realisieren. Das Unternehmen verspricht sich davon, Baukultur, Geschwindigkeit, Wirtschaftlichkeit und Klimaschutz zu vereinen, und das in hoher Qualität.
Die „Hygge Höfe“ gelten bislang als das größte Holzbauquartier deutschlandweit. Der Name „Hygge“ ist hier Programm. Der Begriff stammt aus dem Dänischen und steht für Gemütlichkeit und Wohlbefinden in herzlicher Runde. Dieses Lebensgefühl soll sich vor Ort in Kaulsdorf nicht nur in der Architektur, sondern auch im Wohnklima widerspiegeln. „Das spürt man sofort, wenn man die Wohnungen betritt“, ist Bauleiter Johannes Schwarzer überzeugt. Der 27-jährige Holzbauingenieur begleitet das Projekt seitens Swp seit zweieinhalb Jahren. „Es riecht nach frischem Holz. Das Raumklima ist anders als im konventionellen Neubau – das schafft eine ganz eigene Atmosphäre. Auch deshalb mag ich Holz besonders.“

Frühzeitige Zusammenarbeit von Tragwerks- und Brandschutzplanern
Das gesamte Quartier setzt konsequent auf Holz als zentralen Baustoff. Beton kommt nur dort zum Einsatz, wo es statisch oder brandschutztechnisch erforderlich ist, wie bei den Treppenhäusern, Aufzugskernen, den Kellern und der Tiefgarage. Diese Kombination ist typisch für die Holzhybridbauweise, die ökologische Vorteile mit Anforderungen an Sicherheit und Stabilität vereint.
Im Gegensatz zum konventionellen Bauen sind im Holzbau während der Bauphase nachgeführte Ausführungsplanungen kaum noch möglich und wirtschaftlich wenig sinnvoll. Wichtig ist deshalb eine detaillierte Planung im Vorfeld, die alle Gewerke einbezieht. Besonders betrifft das die frühzeitige Zusammenarbeit von Tragwerks- und Brandschutzplanern sowie der Gewerke Sanitär und Heizung, da die Technische Gebäudeausrüstung raum- und geschossübergreifend die wesentlichen Gebäudefunktionalitäten trägt.
Bauelemente mit hoher Feuerwiderstandsdauer
Zentrales Thema beim Umsetzen der Hybridbauweise war der Brandschutz nach Richtlinien § 14a der Musterbauordnung (MBO) für nebeneinandergebaute Häuser der Gebäudeklasse 4 und 5 auf demselben Grundstück. „Zum Einsatz kamen daher vorgefertigte Wand- und Deckenelemente in Holztafelbauweise, beplankt mit speziellen Knauf-Gipsfaserplatten GKF X Diamant. Diese weisen eine hohe Feuerwiderstandsdauer auf. Die eingeblasene Holzfaser wird hier von einer qualitativ hochwertigen Gips-Kartonummantelung umgeben. Als Abschluss zum Innenraum entspricht die Platte dem geforderten Brandschutz nach EI90-M und der Feuerwiderstandsklasse gemäß DIN EN 13501.

Das gesamte Quartier ist mit zahlreichen Feuerlöschanlagen ausgestattet. An drei Gebäuden befinden sich Steigleitungen. Notausschalter für die Photovoltaikanlage an den Fassaden ergänzen das Sicherheitssystem. Im Brandfall werden die von der Feuerwehr bedient, um das Einspeisen von Gleichstrom aus der Photovoltaik zu unterbrechen. Nicht zuletzt existiert für die Feuerwehr eine extra Zufahrt mit Schranke, die sich nur von der Feuerwehr öffnen lässt.

Sondergenehmigung für das fünfgeschossige Gebäude
In Gebäuden der Gebäudeklasse 5 sind die Anforderungen an die Sicherheit besonders anspruchsvoll. Besonderes Augenmerk lag deshalb auf den Brandschutzmaßnahmen im fünfgeschossigen Gebäuderiegel entlang der Münsterberger Straße gegenüber vom Vivantes Krankenhaus. Da die aktuelle Überarbeitung der Muster-Holzbaurichtlinie zum Zeitpunkt der Quartiersplanung noch nicht in Kraft war, mussten speziell für dieses Gebäude zahlreiche Sondergenehmigungen eingeholt werden, um die Hybridbauweise umzusetzen. „Das war eine große Herausforderung“, berichtet der Bauleiter weiter. „Wir haben dafür eng mit Behörden, Feuerwehr, Bauherrn und Fachplanern zusammengearbeitet, um alle Anforderungen zu erfüllen.“

So ist zwar die Dämmung abweichend von der Bauordnung der Holzbauwände brennbar ausgeführt, wird aber durch ausfallsicher konstruierte Treppenhäuser mit vorgelagerten Schleusen zu den Wohnungen kompensiert. Fluchtwege bleiben so im Brandfall rauchfrei. Ergänzt wird das Schleusensystem mit Löschwasser Steigleitungen für die Feuerwehr und mit modernen Brandschutztüren FW 90 der Firma Prüm, die Wohnungen und Schleusen vom jeweiligen Treppenhaus trennen. Jedes der Treppenhäuser verfügt zudem über eine Abluftanlage und bleibt so ebenfalls feuergeschützt.


Die Feuerschutztüren entsprechen der europäischen Norm DIN EN 1634-1 und bieten neben dem Rauchschutz auch Schallschutz der Klasse SK1.
An den oberen Türseiten befindet sich das Schließsystem TS83 EMR der Firma Dormakaba. Im Ernstfall kann dieses selbstständig und schnell reagieren. Ermöglicht wird das über elektromagnetische Feststellung und einen integrierten Rauchmelder. Speziell für Feuer- und Rauchschutztüren entwickelt, ist das System EN 1154 EN 1155 konform. Signalisiert der Melder Rauch, schließt sich die Brandschutztür von selbst.
Sämtliche Hauseingangstüren verfügen über einen Dorma Freilauftürschließer und Rauchmelder TS 99 FLR-K. Die Türen funktionieren frei beweglich, als ob kein Türschließer montiert wäre. Im Alarmfall schließt die Tür sicher. Bereits ab einem Türöffnungswinkel von mehr als 0 Grad ist die Freilauffunktion gegeben und eignet sich besonders für das barrierefreie Bauen nach DIN 18040 oder DIN SPEC 1104.
Alle Aufzüge sind im Erdgeschoss mit einer Rücksendeeinrichtung nach DIN EN 81-73 RT-LSC-RS versehen. So kann mithilfe von Signalen der Brandmeldeanlage oder der manuellen Rücksendeeinrichtung der betreffende Aufzug aus dem Normalbetrieb genommen werden. Er fährt in die Brandfallhaltestelle und verbleibt dort mit geöffneten Türen bis zur Rückstellung. Die Aufschaltung auf die Aufzugssteuerung erfolgt über potentialfreie Kontakte.

Nach Standard KfW-Effizienzhaus 55 EE
Neben dem Brandschutz ist auch die Bauweise selbst speziell. Jedes der Gebäude besitzt zwar seinen eigenen gestalterischen Charakter, wurde aber gleich als Holz-hybridbau erstellt. Die seriellen vorgefreiten Elemente mit Fenstern, Türen, Innen- und Außenwänden ermöglichten dabei eine präzise Planung und zügige Umsetzung. „Wir haben im Schnitt ein Geschoss des Fünfgeschossers pro Woche fertiggestellt“, so Schwarzer.

Auch ökologisch setzt das Projekt Maßstäbe. Der Bauherr spricht von 64 Prozent CO2-Ersparnis im Vergleich zu einer konventionellen Bauweise. Alle Gebäude entsprechen dem Standard eines KfW-Effizienzhauses 55 EE und werden über erneuerbare Energien versorgt. Eine Kombination aus Luft/Wasser-Wärmepumpen und Photovoltaikanlagen deckt den Großteil des Energiebedarfs, während ein Gasbrennwertkessel lediglich zur Spitzenlastabdeckung dient.
Darüber hinaus wurde das Grundstück im Zuge der Neubebauung deutlich entsiegelt. Statt zuvor vollständig versiegelter Flächen sind heute nur noch rund 35 Prozent bebaut. Regenwasser kann vor Ort versickern oder wird über Retentionsdächer und Zisternen zurückgehalten. Es dient später unter anderem für das Bewässern der Grünanlagen im Quartier – ein wichtiger Beitrag für das Stadtklima.
Anspruchsvolles Projekt erfolgreich umgesetzt
Trotz aller Vorteile gestaltete sich die Realisierung des Bauvorhabens sehr anspruchsvoll. Die komplexen Schnittstellen zwischen Holz- und Stahlbetonbauteilen setzten eine äußerst präzise Planung und Ausführung voraus. „Doch eine der größten Aufgaben stellte die Logistik auf dieser engen Baufläche dar“, erinnert sich Schwarzer. „Etwa acht Gewerke – vom Tiefbau bis zum Hochbau – arbeiteten gleichzeitig. Aller Termine mussten genau aufeinander abgestimmt sein. Ich habe hier viel dazu gelernt“, bekräftigt der junge Ingenieur.
Bis auf die Außenanlagen sind die „Buwog Hygge Höfe“ fertiggestellt. Sie beweisen, dass serieller Holzbau auch in großen Dimensionen und unter urbanen Bedingungen funktioniert, ebenso mit Blick auf den sicheren Brandschutz. „Ich hoffe“, so Johannes Schwarzer weiter, „dass mit der geplanten Anpassung der Muster-Holzbaurichtlinie solche Bauweisen künftig deutlich einfacher genehmigt werden – auch hinsichtlich Brandschutzes betreffs der höchsten Gebäudeklasse.“
Für die Wohnungsbaubranche wäre das seiner Meinung nach ein wichtiges Signal. Denn der Holzbau bietet nicht nur ökologische Vorteile, sondern auch wirtschaftliche Perspektiven. Durch industrielle Vorfertigung, standardisierte Prozesse und kurze Bauzeiten könnte er zu einem zentralen Baustein für den erklärten Bau-Turbo werden. Die „Buwog Hygge Höfe“ in Kaulsdorf sind damit mehr als nur ein neues Wohnquartier, sondern ein weiteres Beispiel dafür, wie Nachhaltigkeit, Effizienz und Lebensqualität im Wohnungsbau zügig realisiert werden können.
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