IÖW/Fraunhofer ISI

Energiewendepolitik muss Gesellschaftsforschung berücksichtigen

Um den Fortschritt der Energiewende zu sichern, braucht es Forschung zu Fragen sozialer Gerechtigkeit, Narrativen und geopolitischen Abhängigkeiten. Dies zeigt ein Impulspapier der Forschungsinstitutionen vom IÖW und Fraunhofer ISI.

Zentrale Herausforderungen der Energiewende liegen im politischen und gesellschaftlichen Bereich. Cover: BEWEGT-Impuls März 2026
Zentrale Herausforderungen der Energiewende liegen im politischen und gesellschaftlichen Bereich. Cover: BEWEGT-Impuls März 2026

Mehr als die Hälfte des deutschen Stroms kommt inzwischen aus erneuerbaren Energien, klimafreundliche Heizsysteme verbreiten sich zunehmend, ebenso wie Elektrofahrzeuge.

Doch in dieser Beschleunigungsphase der Energiewende treten neue Hürden auf und politische, wirtschaftliche sowie gesellschaftliche Herausforderungen drohen die Dynamik zu bremsen. Forschende des Instituts für ökologische Wirtschaftsforschung (IÖW) und des Fraunhofer-Instituts für System- und Innovationsforschung (Fraunhofer ISI) zeigen im neuen Impulspapier „Energiewende zwischen Beschleunigung und Backlash: Gesellschaftsforschung stärken“, warum Forschung zu Fragen sozialer Gerechtigkeit und gesellschaftlicher Teilhabe, zu Kommunikation und Narrativen oder zu geopolitischen Abhängigkeiten essenziell ist, um den Fortschritt der Energiewende in ihrer aktuellen Phase sicherzustellen. Die derzeitige Energiekrise durch den Irankrieg unterstreiche nochmals die Notwendigkeit, durch eine beschleunigte Energiewende unabhängiger von Energieimporten zu werden, so die Forschenden.

Mitte März kamen in Berlin über 100 Wissenschaftler:innen aus ganz Deutschland zusammen, die in Projekten des Förderschwerpunkts „Energiewende und Gesellschaft“ des Bundesministeriums für Wirtschaft und Energie (BMWE) arbeiten und die Forschung in diesem Themenbereich voranbringen. Dazu eingeladen hatten die beiden Institute Fraunhofer ISI und IÖW als Teil der Begleitforschung „BEWEGT – Die Energiewende-Gesellschaft“ mit Förderung durch das BMWE. Eine Umfrage des Projekts im Februar 2026 unter knapp 200 Expert:innen aus dem Forschungsbereich und dem Forschungsnetzwerk „Energiewende und Gesellschaft“ zeigt die drängendsten Herausforderungen in der aktuellen Energiewendephase auf. Neben der wichtigen Aufgabe, das Stromnetz an den hohen Anteil erneuerbarer Energien anzupassen, zählen dazu unter anderem: Meinungsverschiedenheiten zur Ausgestaltung der zukünftigen Energiepolitik, die Teilhabe einkommensschwacher Haushalte an der Energiewende, die geopolitischen Spannungen und der Umbau globaler Wertschöpfungsketten sowie die langfristige Sicherstellung der Finanzierung für Klimaschutzinvestitionen.

Wachsende Widerstände: Wenn das Fortschreiten des Wandels zu Gegenwind führt

Je weiter die Energiewende voranschreitet, desto sichtbarer wird, was dieser Wandel für etablierte Industrien, Unternehmen, Arbeitnehmende und Regionen bedeutet. Die unter Druck geratenen Branchen wie Kohle-, Gas- oder Automobilindustrie und verbundene Akteure reagieren mit verstärktem Lobbying und verschieben Diskurse in der öffentlichen Debatte. Aber auch Fragen der sozialen Gerechtigkeit und der fairen Teilhabe aller an den Vorteilen der Modernisierung des Energiesystems treten vermehrt in den Vordergrund.

„Diese Widerstände und Auseinandersetzungen können den Fortschritt der Energiewende erheblich beeinträchtigen“, so Professorin Karoline Rogge, Innovations- und Transformationsforscherin am Fraunhofer ISI und BEWEGT-Projektleiterin. „Zur Lösung der aktuellen Herausforderungen der Energiewende liefert die gesellschaftsbezogene Forschung entscheidende Beiträge. Denn sie untersucht etwa, wie Entscheidungsfindungsprozesse unter Einbindung aller relevanten Akteure zu besseren Ergebnissen vor Ort führen können, wie Kommunikation und positive Zukunftsnarrative Vertrauen in den Wandel schaffen oder wie Industrieunternehmen ihre Produktion erfolgreich klimaneutral umstellen können.“ Karoline Rogge betont: „Die sozio-technische Forschung ist der Schlüssel für den Erfolg der Energiewende in der aktuellen Beschleunigungsphase.“

Impulspapier fordert Gerechtigkeit als Leitprinzip der Energiewende

Gerechtigkeitsfragen gewinnen in der aktuellen Phase politisch an Sprengkraft. Können sich einkommensschwache Haushalte Wärmepumpen und Elektroautos leisten? Wer zahlt in Mietshäusern für Gebäudesanierungen? „Wenn diese Fragen unbeantwortet bleiben, drohen Widerstände das Ambitionsniveau der Energie- und Klimapolitik insgesamt zu schwächen“, sagt Dr. Florian Kern, Co-Autor des Impulspapiers und Leiter des Forschungsfelds „Umweltökonomie und Umweltpolitik“ am IÖW. „Die Forschung zeigt, dass eine gerechte Transformation mehr erfordert als ‚Verlierer‘ der Energiewende finanziell zu entschädigen. Vielmehr braucht sie gute politische Rahmenbedingungen für gesellschaftliche Teilhabe“, so Kern weiter.

Laut Fraunhofer ISI und IÖW zeigt die vielfältige Forschung im Themenschwerpunkt „Energiewende und Gesellschaft“ verschiedene mögliche Handlungsoptionen. Hierzu zählen zum Beispiel eine einkommensabhängige Förderung für energetische Sanierungen, eine faire Kostenaufteilung zwischen Vermieter:innen und Mieter:innen sowie ökonomische und demokratische Teilhabe beispielsweise durch Bürgerenergiegenossenschaften. Solche Ansätze stärken die Akzeptanz der Energiewende.

Geopolitische Realitäten im Blick: Wie globale Dynamiken auf die Energiewende wirken

Lieferabhängigkeiten bei Rohstoffen oder Komponenten, Ölpreisanstieg durch militärische Auseinandersetzungen, Handelsstreitigkeiten und der Aufstieg chinesischer Hersteller bei Elektrofahrzeugen und Solarmodulen – all diese internationalen Entwicklungen wirken sich auch auf die Energiewende in Deutschland aus und stellen etablierte Industrien und politische Strategien auf die Probe. Die Forschenden weisen darauf hin, dass Forschung zu Verhalten und Suffizienz Lösungen entwickeln kann, um den Rohstoffbedarf und Importabhängigkeiten durch veränderte Lebensstile und Konsummuster zu verringern und Resilienz zu fördern. Und Deutschland kann im Zusammenspiel mit der Europäischen Union helfen, Skaleneffekte beim Hochlauf grüner Technologien zu realisieren, wenn sich die Mitgliedstaaten bei Fragen der Energiewende und der Zukunft der Industrie noch besser koordinieren und starke europäische Leitmärkte schaffen.

Über das Projekt BEWEGT

Das Projekt BEWEGT vernetzt über vier Jahre Forschende aus ganz Deutschland, fasst übergreifende wissenschaftliche Erkenntnisse zusammen und leitet Handlungsempfehlungen ab. Ziel ist, die Sichtbarkeit und Wirkung der Forschung zu „Energiewende und Gesellschaft“ in Politik, Wirtschaft, Medien und Gesellschaft zu stärken. Auf der Plattform www.energiewende-gesellschaft.de wird die Forschung in diesem Bereich vorgestellt. Der Newsletter „Wer BEWEGT die Energiewende?“ informiert die Forschungscommunity, Medienvertreter:innen und interessierte Akteure aus Praxis und Politik über Neuigkeiten aus der vom BMWE im Rahmen des Energieforschungsprogramms geförderten Projekte im Förderschwerpunkt „Energiewende und Gesellschaft“. Das Vorhaben läuft bis 2029. Es wird geleitet von Professorin Karoline Rogge vom Fraunhofer ISI und Professor Bernd Hirschl vom IÖW.

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