Interview

Nachhaltigkeit in der Bausoftwarebranche – Utopie oder Realität?

Welchen Beitrag Bausoftware zur Nachhaltigkeit leisten kann, darüber sprachen wir mit Frau Dr. Ines Prokop, Geschäftsführerin des Bundesverbands Bausoftware und Bauingenieurin, im Rahmen eines Online-Talks Ende November 2021, der vom Softwarehersteller Bluebeam initiiert wurde.

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Dr. Ines Prokop, Geschäftsführerin des Bundesverbands Bausoftware BVBS Bild: Ines Prokop
Dr. Ines Prokop, Geschäftsführerin des Bundesverbands Bausoftware BVBS Bild: Ines Prokop

Bauen ist einer der größten Wirtschaftszweige in Deutschland. Die Umsatzzahlen liegen sogar noch weit vor dem Automobilsektor. Zugleich entsteht bei der Herstellung eines Gebäudes, im Betrieb und vor allem beim Um- oder Rückbau noch immer viel Abfall. Mit einer Recyclingquote von gut 12 % liegt Deutschland europaweit lediglich im Mittelfeld. Hier bleibt also viel zu tun – auch in Entwurf und Planung und damit verbunden die Planungssoftware.

TW: Der BVBS hatte zentrale Forderungen an unsere neue Bundesregierung. Ein erstes Zwischenresümee, nachdem der Koalitionsvertrag vorliegt: Fühlt sich die Branche bei den wichtigen Themen zur Digitalisierung des Bauwesens abgeholt?

Ines Prokop: Im Wesentlichen schon. Der Koalitionsvertrag beinhaltet sehr viele gute Absichtserklärungen. Wenn diese tatsächlich alle umgesetzt werden, dann wird aus meiner Sicht die Digitalisierung der Baubranche gut vorankommen. Wir hatten als BVBS erstmals in diesem Jahr „Wahl-Forderungen“ aufgestellt. Die Baubranche steht vor zwei großen Herausforderungen: der Digitalisierung und dem Klimaschutz. Daher hat der BVBS insgesamt acht Wahlforderungen aufgestellt. Hierzu gehörte z. B., dass die Verwaltungen digitaler und die Planungs- und Bauprozesse durch die Digitalisierung deutlich beschleunigt werden müssen. Dies steht jetzt tatsächlich im Koalitionsvertrag, als Absichtserklärung. Open BIM wurde ebenso aufgenommen, um die Digitalisierung der Baubranche zu unterstützen und in Zukunft einheitliche Schnittstellen und Standards umzusetzen. Es sind also tatsächlich viele unserer Forderungen eingeflossen. Ein Ziel der Bauverbände war es zudem, ein Bauministerium zu schaffen. Das ist nun Realität.

TW: Die Stimmen werden immer lauter, die fordern: Der nachhaltigste Umgang mit unseren Ressourcen ist, sie nicht zu bergen, sondern mit dem zu leben, was wir bereits haben; das zu nutzen, was bereits gebaut ist und uns nicht auf die in der Natur gebundenen Ressourcen zu versteifen, sondern sie den nächsten Generationen zur Verfügung zu stellen. Wie sieht der Ansatz des BVBS und der Branche beim Thema Ressourcenschutz aus?

Ines Prokop: Grundsätzlich ist das auch meine Denkweise: Das Beste ist, wenn wir mit dem leben, was wir schon haben. Denn in den Bestandsbauten steckt ja, von der Herstellung, dem Transport bis zu den Kosten über den Betrieb hinweg, unheimlich viel graue Energie. Dieser Fakt hat sich in den letzten Jahren zum Glück im Bewusstsein vieler festgesetzt – nicht zuletzt durch „Fridays for Future“ und aktuell durch die Bewegung „Architects for Future“. Wir wissen, dass die globalen Ressourcen endlich sind. Wir können es uns einfach nicht mehr leisten, den Abriss und Neubau an die erste Stelle vor die Bauwerkserhaltung zu stellen. Ich bin seit Langem in der Bauwerkserhaltung aktiv und habe sehr viel zu historischen Baukonstruktionen geforscht. Mir ist der Wert des Bestandes daher seit langem bewusst. Ich glaube, dass sich durch neue Erkenntnisse im Klimaschutz ebenso das Bewusstsein für den Bestand verändern wird. In den vergangenen Jahren ist hier gedanklich viel passiert. Es gibt das Positionspapier des BDA, „Das Haus der Erde“, es gibt zentrale Forderungen der Bayerischen Ingenieurekammer-Bau vom Frühjahr 2021; Forderungen für mehr Nachhaltigkeit am Bau. Sie alle konstatieren: Bauwerkserhaltung vor Neubau. Viele Menschen haben erkannt, wie wichtig es ist, den Bestand zu erhalten. Trotzdem ist da noch viel Luft nach oben. So ist ein Umdenken bei den Eigentümern, den Investoren, bei den Nutzern der Bauten erforderlich.

TW: Ich verstehe Ihre Worte als starkes Plädoyer für Sanierung und Umnutzung unseres Bestandes. Dennoch werden wir um viele Neubauten nicht herumkommen. Wie kann uns Bausoftware bei den vorgenannten Zielen unterstützen?

Ines Prokop: Wir sollten hier verschiedene Bereiche unterscheiden. Wenn wir an eine lange Nutzung und entsprechend die damit verbundene Bauwerkserhaltung denken, haben wir in den vergangenen Jahren enorme Fortschritte erzielt. Aktuell gibt es einige Forschungsvorhaben, in denen der Status quo optimal erfasst wird. Nehmen wir zum Beispiel „Scan to BIM“ für die Bestandsaufnahme. Noch bis vor wenigen Jahren war die händische Erfassung des Bestandes mit einem hohen Aufwand verbunden. Das ist jetzt, wenn wir software- und zukünftig KI-gestützt den Bestand erfassen und alle Techniken sinnvoll kombinieren, mit überschaubaren Arbeitsaufwänden möglich. Hinzu kommt: Wenn wir in einer Planung aktuell berücksichtigen, welche digitalen Informationen für eine spätere Revitalisierung notwendig sind, werden Umbau und Erweiterung in der Zukunft deutlich einfacher. Und Software benötigen wir darüber hinaus genauso, um Tragwerksanalysen durchzuführen und eine Ertüchtigung der Tragwerke zu ermöglichen.

Wenn wir die nachhaltige Planung ansprechen, dürfen wir die seit 2013 in Deutschland existierende ÖKOBAUDAT nicht vergessen. Sie ist die vereinheitlichte Datenbasis für die Ökobilanzierung von Bauwerken und steht als kostenfreie Datenbank über www.oekobaudat.de zur Verfügung. Wir finden bereits eine Fülle von Softwarelösungen für die Ökobilanzierung (Life Cycle Assessment LCA) am Markt. Ich denke, dass in wenigen Jahren z. B. die CO2-Analyse, die CO2-Bilanzierung, zu jedem Bauantrag dazugehören wird. Hierfür brauchen wir Software. Der Softwareeinsatz setzt sich fort über die digitale Planprüfung und bis zu Tools, die in der Bauphase unterstützen. Die damit verbundene Papier- und Zeitersparnis im Gesamtprozess ist enorm. Die vielfältigen, verfügbaren digitalen Werkzeuge tragen somit ebenso zur Nachhaltigkeit bei.

TW: Wo steht die Bausoftwarebranche in Sachen Nachhaltigkeit in der Planung denn aktuell; welchen Stellenwert nimmt das Thema ein und gibt es einen Appell, den Sie an die Baubranche insgesamt richten möchten?

Ines Prokop: Die Bausoftwarebranche ist heterogen zu betrachten im Bereich Nachhaltigkeit. Wenn es um ökonomische Aspekte geht: Hier haben wir viele Apps im vergangenen Jahr hinzubekommen, die vor allem bei der Bauausführung unterstützen. In diesem Bereich hat sich viel getan. Im Bereich Ökobilanzierung hingegen gibt es schon seit 25 Jahren passende Software. Einige neue Tools wurden im Rahmen von Forschungsvorhaben entwickelt, so z. B. das Ökobilanz-Tool vom BBSR, dem Bundesinstitut für Bau-, Stadt- und Raumforschung, das eLCA heißt und unter www.bauteileditor.de zu finden ist. Es ist allerdings noch in der Beta-Phase. Den Aspekt Ökobilanzierung haben aus meiner Sicht die großen Softwarehersteller, also Planungssoftwareunternehmen, erst 2021 richtig aufgegriffen. Die Bauwerksmodelle dürfen wir allerdings nicht vergessen für eine umfassende Ökobilanzierung. Die nötigen BIM-Tools sind vorhanden. Diese brauchen wir, um nach der Planung die Ökobilanzen oder CO2-Analysen zu erstellen. Umfragen, beispielsweise der Bundesarchitektenkammer, kommen zu dem Ergebnis, dass zwischen 10 und 20 Prozent der deutschen Architekturbüros die BIM-Methode anwenden. Aus meiner Sicht sind wir noch am Anfang. Das verwundert jedoch nicht, denn das Bewusstsein für nachhaltiges Bauen hat sich erst in den vergangenen Jahren entwickelt.

TW: Der Wertstoffkreislauf manifestiert sich ja durch Nachhaltigkeit. Vielen ist das als „Cradle-2-Cradle-Prinzip“ geläufig, also von der Wiege bis zur Wiege. Eine zentrale Idee dahinter: Rohstoffe immer wieder dem Nutzungskreislauf zuzuführen, möglichst in gleichbleibender Qualität. Wie weit berücksichtigen Planungstools das bereits heute und in naher Zukunft?

Ines Prokop: Wie weit die Branche da mittlerweile ist, kann ich mit letzter Sicherheit nicht sagen. Meinem Gefühl nach sind wir hier in einer ersten Phase. Denn eine Software weiß ja immer nur das, was vorher eingegeben wurde, und wir stehen mit unseren Kenntnissen bezüglich Cradle-2-Cradle im Bauwesen eigentlich ganz am Anfang. Wenn ich das Cradle-2-Cradle-Prinzip umsetzen und die Baumaterialien wieder in den Produktionskreislauf zurückführen will, dann muss ich sie so roh wie möglich verbauen, um später keinen Downcycling-Prozess auszulösen. Über die Hälfte des gesamten Abfallaufkommens in Deutschland kommt aktuell aus Bau- und Abbruchabfällen. Warum ist das so? Wir haben über viele Jahrzehnte Baumethoden und Baukonstruktionen entwickelt, die den Cradle-2-Cradle-Ansatz nicht berücksichtigen. Wir benötigen hierfür einen Paradigmenwechsel.

Ein Beispiel: Der Fliesenleger nennt sich Fliesenleger. Real verwendet er immer Fliesenkleber. Die Fliese ist dann komplett mit dem Untergrund verklebt; Bauschutt ist vorprogrammiert. Bei Cradle-2-Cradle habe ich persönlich die Bilder der Trümmerfrauen nach dem Zweiten Weltkrieg vor Augen. Sie haben die Mauersteine abgeklopft. Das geschah aus der Not heraus, natürlich. Dennoch: Wer wäre heute dazu bereit, Steine abzuklopfen und danach wiederzuverwenden? Zudem müssen insbesondere bei Bauteilen mit Tragfunktion viele normative Vorgaben berücksichtigt werden. Dennoch gibt es sehr gute Beispiele für zeitgemäße Ansätze.

Eine besondere Hausforderung für die Zukunft stellt jedoch die Tragwerksplanung dar. Unsere über Jahrzehnte auf Tragweite und Schlankheit optimieren Verbundtragsysteme funktionieren nicht mehr, wenn wir an den Rückbau und das Recycling der darin gebundenen Rohstoffe denken! Enorme Herausforderungen liegen hier vor uns als Ingenieurinnen und Ingenieure, Architektinnen und Architekten. Software kann hier in den Entscheidungsprozessen unterstützen und neben ihrer Bewertungsfunktion, wie der CO2-Fußabdruck des Bauwerks ist oder wie ökologisch die Baustoffe sind, viel bewirken. Bei vielen Dingen stehen wir also noch am Anfang – auch in unseren Köpfen. Das Cradle-2-Cradle-Prinzip ist großartig. Aber wir sind in der Baubranche noch weit entfernt von den damit verbundenen Zielen.

TW: Das Thema KI ist in den letzten Jahren immer wichtiger geworden. Welche Rolle wird die künstliche Intelligenz beim Bauen der Zukunft einnehmen und wird es Rückschlüsse für die Bausoftware geben?

Ines Prokop: Ich denke, als Hilfsmittel für Planerinnen und Planer wird die KI mehr und mehr an Wichtigkeit gewinnen. Dabei sehe ich das entspannt, wenngleich einige Kolleginnen und Kollegen davor großen Respekt haben. Wenn ich KI für Standardaufgaben nutze, zum Beispiel die sanitären Anlagen in öffentlichen Bauten zu strukturieren, ist der Nutzen groß. Architektinnen und Architekten gewinnen dadurch Zeit und können die kreativen Aspekte im Projekt fokussieren. In der KI steckt viel Potenzial – sowohl in der Planung wie in der Bauausführung, etwa bei der Baustellenüberwachung. Sie wird hier mehr und mehr eine Assistenzrolle einnehmen, was u. a. sinnvoll ist wegen des Fachkräftemangels, der weiter anwachsen wird.

TW: Wo sehen Sie die größten Potenziale bei den digitalen Planungswerkzeugen? Letztlich stellt sich ja die Frage: Was soll Bausoftware in den nächsten Jahren leisten können?

Ines Prokop: Ich sehe hier drei Punkte als wesentlich. Wie zuvor erwähnt, wird es uns mit Bausoftware und KI deutlich besser gelingen, Bauwerke zu erhalten – weil die Bestandserfassung und Bestandsanalyse, software- und KI-gestützt schneller, besser und einfacher möglich werden, als in der Vergangenheit. Außerdem können wir mit der Bausoftware die Ökobilanzierung und CO2-Analysen zum Standard machen. Ich denke, neben dem Standsicherheits-Nachweis, der für jedes umfassende Bauprojekt notwendig ist, wird es zukünftig eine CO2-Bilanzierung im Bauantrag geben. Meine Hoffnung ist darüber hinaus, dass wir mit Software-Tools den Bauherren, Investoren und Betreibern viel bewusster machen können, wie genau wir das Bauwerk über den gesamten Lebenszeitraum betrachten. Dazu gehören ebenso Rückbau- und Abrisskosten und die realen Kosten von Materialien, wenn deren Entsorgung mitberücksichtigt wird. Das ist nur mit digitalen Methoden und Datenbanken machbar, die den Abwägungsprozess von Abriss, Neubau und Erhalt objektivieren und umfassend dokumentieren. Wenn wir das schaffen, finden wir wirklich zu einem ressourcenschonenden Bauen. Das ist meine Vision!

Das Gespräch wurde als Teil einer Reihe initiiert und organisiert von Bluebeam.

Weitere Informationen unter:

BVBS Wahlforderungen - https://www.bvbs.de/2021/08/12/forderungen-des-bvbs-zur-bundestagswahl-2021/

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Tim Westphal

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Seite 36 bis 38
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