„Einer der maßgeblichen Faktoren für den globalen Klimawandel ist der Wärmesektor. Damit ist die Wärmewende ein zentraler Hebel, um die von EU, Bund, Land und Kommune gesetzten Klimaschutzziele zu erreichen“, so formulierte es die MVV Energie AG in einer Pressemeldung Anfang November letzten Jahres. Und weiter: „Um Klimaschutz unternehmerisch erfolgreich umzusetzen, hat MVV das Mannheimer Modell entwickelt. Teil dieses Modells, mit dem das Energieunternehmen bis 2035 klimapositiv werden will, ist der Umstieg von fossilen Energieformen auf eine CO2-freie Wärmeerzeugung.“ Fossil gefeuerte Gasheizungen halte die MVV nicht für eine nachhaltige und zukunftsorientierte Beheizungsform und strebe an, das Gasnetz bis 2035 stillzulegen. Das Unternehmen empfiehlt seinen Kundinnen und Kunden, sich frühzeitig um alternative Heizformen zu kümmern.
Diese Formulierung schmeckt einigen Mannheimern überhaupt nicht. „Noch vor zwei bis drei Jahren haben sich Mannheimer Bürger eine neue Gasheizung zugelegt und dafür sogar hohe Förderzuschüsse erhalten, und jetzt soll damit in spätestens zehn Jahren Schluss sein?“ Andreas Kostarellos kann sich im Gespräch mit Moderne Gebäudetechnik richtig ereifern. Kostarellos ist Initiator der Bürgerinitiative „MannheimGibtGas“, die nach eigenen Angaben gut 300 Mitglieder zählt. Auch wenn seine öffentliche Informationsveranstaltung sehr gut besucht war, ist Kostarellos über den Zulauf zu seiner Initiative nur mäßig begeistert. Es könnten, ja es sollten viel mehr Mannheimer Bürger auf die Barrikaden gehen und sich gegen den vorgezogenen Ausstieg aus der Erdgasversorgung und die nach seiner Meinung nach unzureichende Informationspolitik der MVV zur Wehr setzen. Dabei geht es der Bürgerinitiative gar nicht so sehr um den Ausstieg aus der Versorgung fossiler Energieträger wie Erdgas. Der sei im Prinzip unstrittig. „Das Vorziehen des Ausstiegs um zehn Jahre brachte die Lage zur Eskalation“, so Andreas Kostarellos.

Dieser Argumentation vermag die MVV Energie AG nicht zu folgen. „Wir sind schon seit über einem Jahr mit dem Thema Wärmewende in Mannheim unterwegs“, so Unternehmenssprecher Dr. Thomas Renz. „Wir haben seit 2024 insgesamt siebzehn Bürgerinfoveranstaltungen zur Wärmewende durchgeführt. MVV, Stadt Mannheim, Klimaschutzagentur Mannheim, Handwerkskammer, IHK, Sanitär- und Elektroinnung laden gemeinsam ein und informieren über Fernwärme und Wärmepumpe, Fördermöglichkeiten und Umsetzungsschritte.“
Dennoch scheint es, als seien die Gaskundinnen und -kunden nicht proaktiv angeschrieben worden. Sie haben entweder überhaupt keine Kenntnis von den MVV-Plänen oder gehen schlicht von falschen Erwartungen aus und rechnen damit, sich an die Fernheizung anschließen zu können.
Im November 2024 formulierte der damalige MVV-Vorstandsvorsitzende Dr. Georg Müller in einem Interview mit dem lokalen Fernsehsender RNF: „Dass ein hoher Informationsbedarf besteht, hat mich nicht überrascht, überrascht hat mich allerdings die Aussage, dass das neu sei. Wir sagen als MVV seit 2021, dass wir ab 2035 keine fossilen Produkte oder Dienstleistungen mehr anbieten werden.“
Die Stadt Mannheim habe im März 2024 den Kommunalen Wärmeplan beschlossen. Dem sei eine öffentliche Diskussion vorausgegangen. Dieser Plan sehe als Orientierung nur Fernwärme und Wärmepumpen vor und eben kein Gas mehr. Insofern hätten die Fakten auf dem Tisch gelegen.
Kommunale Wärmepläne unter der Lupe
Das Land Baden-Württemberg will Netto-Treibhausgasneutralität bis spätestens 2040 und damit fünf Jahre vor dem bundesdeutschen Zieljahr 2045 erreichen. Das Land steht vor der Herausforderung, die Wärmeversorgung grundlegend zu transformieren und einen treibhausgas- bzw. klimaneutralen Gebäudebestand zu realisieren.
Vor diesem Hintergrund initiierte das Ministerium für Umwelt, Klima und Energiewirtschaft in Baden-Württemberg am 17.07.2023 mit dem Wärmegipfel einen Dialogprozess mit betroffenen Akteuren. Wissenschaftlich und organisatorisch wurde dieser durch das ifeu-Institut Heidelberg begleitet. Im Abschlussbericht „Wärmegipfel Baden-Württemberg: Auswertung der kommunalen Wärmepläne in Baden-Württemberg 2021–2023“, der im Januar 2025 erschien, kommt das ifeu u. a. zu dem Ergebnis, dass elektrische Wärmepumpen zu einer Schlüsseltechnologie werden − sowohl dezentral als auch zur Wärmeerzeugung in Wärmenetzen. „Sonstige Brennstoffe, darunter vor allem Wasserstoff, spielen insgesamt eine eher untergeordnete Rolle“, so die ifeu-Studie. Wasserstoff werde zur dezentralen Wärmebereitstellung im Zieljahr 2040 in 65 der 126 Kommunen eingesetzt, decke im Mittel jedoch nur etwa 5 % der Wärmebereitstellung in den untersuchten Kommunen ab.
Steigende Begleitkosten für Gas
Gründe für den Gasausstieg nennt der Mannheimer Energieversorger gleich mehrere. Der Gaspreis werde mit Sicherheit tendenziell steigen – so wie auch die CO2-Preise, spätestens, wenn das nationale CO2-Bepreisungssystem durch das internationale Emissionstradingsystem (EU-ETS II) ersetzt würde. Zusätzlich würden sich die Netzentgelte für jeden einzelnen Haushalt deutlich erhöhen – schon allein wegen der sinkenden Zahl an Nutzern.

Dezentrale und zentrale Wärme
Was bleibt, ist eine Alternative aus dezentralen, individuellen Wärmelösungen wie die Wärmepumpe oder die zentrale Fernheizung, die in Mannheim eine lange Tradition hat. Erstmals wurde sie 1937 an der Stadt zwischen Neckar und Rhein etabliert. Inzwischen liegt der Anteil der Fernwärme an der Wärmeversorgung bereits bei etwa 60 %; bis 2030 soll sie auf 75 % ausgebaut werden. Zugleich wird sie vollständig „vergrünt“ und damit dekarbonisiert. Einen Beitrag dazu leistet eine weitere Flusswärmepumpe, mit der ab 2028 bis zu 40.000 weitere Haushalte in der Metropolregion Rhein-Neckar klimagerecht mit Wärme versorgt werden sollen.
Die Wärmewende Akademie
Als bundesweit einmalige Einrichtung hat die MVV Energie AG gemeinsam mit der Stadt Mannheim und Partnern wie IHK, HWK und Innungen die Wärmewende Akademie gegründet. Hier sollen in erster Linie Handwerker in Sachen Umrüstung auf Wärmepumpen Anschluss an die Fernwärme geschult werden. Darüber hinaus geht es um gesetzliche Rahmenbedingungen beim Heizungstausch, Anforderungen aus dem Gebäudeenergiegesetz sowie Möglichkeiten der Förderung und Finanzierung.
Doch 75 sind keine 100 %. Wie dem Kommunalen Wärmeplan der Stadt Mannheim zu entnehmen ist, der die Eignungsgebiete für Fernheizung ausweist, bleiben vor allem im Norden und Südosten der Stadt viele Bereiche unerschlossen; hier ist der Fernwärmeanteil bis zum Jahr 2040 zwischen 0 und 33 % bzw. der Fernwärme-Zuwachs liegt unter 30 %.
Wo genau ein Fernwärmeausbau stattfinden wird, ist öffentlich zugänglichen Karten nicht zu entnehmen. Da bleibt Gaskunden nur, online die zukünftige Verfügbarkeit zu prüfen. Nach Eingabe der genauen Adresse erfährt man dann, dass bis 2034 entweder ein Fernwärmeanschluss möglich ist, wenn man sich selbst in der Nachbarschaft um die Erfüllung einer Mindestanschlussquote in der Straße von 30 % bemüht. Oder es gibt keine Erschließungspläne. Dann heißt es „Für eine sichere Wärmeversorgung Ihres Gebäudes bieten wir Ihnen unsere Wärmepumpen und Holzpelletheizungen an.“

Der letztjährige MVV-Chef Müller formulierte es unmissverständlich: „Wir sagen als MVV seit 2021, dass wir ab 2035 keine fossilen Produkte oder Dienstleistungen mehr anbieten werden.“ Und weiter: „Erdgas als CO2-haltiger Brennstoff ist ein Auslaufmodell und Alternativen stehen nicht zur Verfügung.“ Daher werde das Erdgasnetz im Niederdruckbereich, über das die Privathaushalte versorgt würden, stillgelegt. Auch wenn das Datum 2035 nicht in Stein gemeißelt sei, wolle man keine falschen Hoffnungen wecken. Es ginge vor allem darum, frühzeitig all denen eine Entscheidungshilfe zu geben, die ihre Heizung möglicherweise schon in Kürze reparieren oder ersetzen müssten.
Vorstandswechsel – Strategiewechsel?
Am 01.04.2025 trat Dr. Gabriël Clemens die Nachfolge von Dr. Georg Müller als Vorstandsvorsitzender der MVV Energie AG an. Der promovierte Diplomingenieur war zuletzt seit 2021 als CEO Green Gas in der Geschäftsführung der E.ON Hydrogen GmbH in Essen tätig und verantwortete dabei die Wasserstoffaktivitäten des Energieunternehmens E.ON. Zuvor war der gebürtige Niederländer mit deutschem Pass acht Jahre Mitglied des Vorstands im Ressort Technik bei der VSE AG, einem saarländischen Energiedienstleister. Ob mit dem Wechsel auch ein Strategiewechsel der MVV Energie AG verbunden ist, war beim Unternehmen bislang nicht zu erfahren.
Das baden-württembergische Klimaschutzgesetz nennt 2040 als Ziel für Klimaneutralität, so die MVV. Das Unternehmen gehe davon aus, dass Erdgas schon früher an Bedeutung verliere und damit auch das Gasverteilnetz. Deshalb habe man das Jahr 2035 als Orientierung genannt.

Der Ausstiegstermin selbst, so versichert die MVV, sei auch an gesetzgeberische Rahmenbedingungen geknüpft. Wichtigster Punkt ist hier die Gasbinnenmarktrichtlinie der EU, die bis spätestens August 2026 in nationales Recht umgesetzt werden muss. Sie gilt dann für alle Gasverteilnetzbetreiber in Deutschland. „Von Seiten der MVV waren und sind keine einseitigen Maßnahmen zur Stilllegung von Teilen des Gasnetzes vorgesehen“, sagt Unternehmenssprecher Renz. Allerdings bezieht sich diese „Einseitigkeit“ auf den Umstand, dass man die Umsetzung der EU-Vorgaben in deutsches Recht abwarten wird. Das Gasnetz stehe bis auf Weiteres zur Verfügung. Soziale Härtefälle, die es unzweifelhaft geben werde, wie der MVV-Vorstand einräumt, müssten bundesweit einheitlich geregelt werden.
Eine Umnutzung des bestehenden Gasnetzes für Biogas oder Wasserstoff ist für die MVV Energie AG keine Option. Nicht nur der Kommunale Wärmeplan von Mannheim sehe weder Wasserstoff noch Biogas als Alternative für die Gebäudeheizung vor. Auch das Institut für Energie- und Umweltforschung ifeu (Heidelberg) sei zu einem ähnlichen Schluss gekommen (siehe Infokasten Kommunale Wärmepläne unter der Lupe).
Das EU-Gas-Wasserstoff-Paket
Die Richtlinie (EU) 2024/1788 vom 13.06.2024 („GasbinnenmarktRL; GBMRL“) regelt als Teil des EU Gas- und Wasserstoffpakets erstmals den Gasausstieg der Netzbetreiber mittels Stilllegung von Gasnetzen. Art. 57 GBMRL sieht vor, dass Gasverteilernetzbetreiber (Netz-)Stilllegungspläne erarbeiten müssen, wenn sich eine Verringerung der Erdgasnachfrage abzeichnet. Die zuständigen nationalen Behörden müssen dann bewerten, ob die Stilllegungspläne für das Verteilernetz den in der GBMRL festgelegten Grundsätzen genügen. Der genehmigte Stilllegungsplan ist dann Voraussetzung dafür, neuen Netzkunden den Anschluss zu verweigern oder bestehenden Kunden den Anschluss zu kündigen.
EnBW behält ihr Netz
Eine völlig andere Strategie fährt das unweit südlich angesiedelte Energieunternehmen EnBW Energie Baden-Württemberg AG mit ihrer Tochter Netze BW GmbH. Sie ist das größte Netzunternehmen für Strom, Gas und Wasser in Baden-Württemberg. Sie betreibt u. a. die Hoch-, Mittel- und Niederspannungsnetze für rund 2,3 Mio. Netzkunden im Land sowie das Gasverteilnetz mit rund 160.000 Hausanschlüssen.
Wasserstoffnutzung im Inselbetrieb
Von einer Stilllegung von Gasnetzen scheint Netze BW meilenweit entfernt, und auch die Bedeutung von Wasserstoff ordnet das Unternehmen ganz anders ein. Mit dem Projekt „Wasserstoff-Insel Öhringen“, das nach vierjähriger Projektlaufzeit im April 2024 endete, hat der Verteilnetzbetreiber gezeigt, dass eine Beimischung von 30 % Wasserstoff ins bestehende Erdgasnetz möglich ist.

Auf dem Betriebsgelände Netze BW in Öhringen, einer 25.000-Seelen-Gemeinde im Nordosten Baden-Württembergs, wurde dafür ein Gebiet vom bestehenden Erdgasnetz abgetrennt und eigenständig versorgt – quasi wie eine Insel innerhalb des Netzes. In diesem „Inselgebiet“, wozu eine selbstgenutzte Liegenschaft der Netze BW (Phase 1: Versorgung mit Mischgas ab November 2021) und 26 angrenzende Haushalte (Phase 2: ab Sommer 2022) gehörten, wurde dem Erdgasnetz in zwei Phasen Schritt für Schritt bis zu 30 % Wasserstoff beigemischt.

Der benötigte Wasserstoff wurde zum großen Teil mittels eines Elektrolyseurs vor Ort aus Windkraft- und PV-Anlagen erzeugt. In weiteren Anlagen wurde der Wasserstoff zwischengespeichert, dem Erdgasnetz beigemischt und das entstandene Mischgas dann in das „Inselnetz“ eingeleitet. „Mit dem Projekt „Wasserstoff-Insel Öhringen“ haben wir gezeigt, dass die bestehende Erdgasinfrastruktur eine wesentliche Rolle bei der Transformation zur Dekarbonisierung des Wärmesektors spielen kann“, erklärte eine Sprecherin der Netze BW auf Nachfrage. Die 30-prozentige Beimischung von Wasserstoff habe problemlos funktioniert, und eine aufwändige Anpassung der bestehenden Infrastruktur war nicht erforderlich – weder beim Gasnetz noch bei den Endverbrauchern und ihren Gas-Thermen und Herden.
Das Engagement im Wärmebereich hat Netze BW mit dem Folgeprojekt „H2-100 Öhringen“ fortgesetzt: In der Heizperiode 2024/2025 wurde die eigene Liegenschaft mit 100 % Wasserstoff am Standort Öhringen versorgt. Dazu wurden die Gasheizgeräte sowohl im Verwaltungsgebäude, als auch im Ausbildungsgebäude umgerüstet.
Mit dem Projekt konnte u. a. nachgewiesen werden, so das Unternehmen, dass ein sicherer und zuverlässiger Netzbetrieb auch mit 100 % Wasserstoff möglich ist. Mit diesen Projekten rüste sich Netze BW für den H2-Hochlauf.

Netze BW geht nach jetzigem Stand davon aus, dass ab Anfang der 2030er Jahre die Süddeutsche Erdgasleitung (SEL) als erste Pipeline in Baden-Württemberg Wasserstoff in die Region Rhein-Neckar und den Großraum Stuttgart transportieren wird. Ob und wann Wasserstoff verfügbar sein wird, ist abhängig vom Wasserstoff-Kernnetz bzw. der Kernnetz-/SEL-Nähe.
Die Unternehmensstrategie der EnBW lässt sich in einem Satz zusammenfassen: „Seitens der EnBW und Netze BW gibt es aktuell keinerlei Pläne, die Gasverteilnetze oder Teile davon stillzulegen“, formulierte es die Netze BW-Sprecherin. Und weiter: „Der nach wie vor geltenden Anschlusspflicht für Gaskunden kommen wir ohne Einschränkungen nach!“
Und nochmals das Thema MVV: „Wir sehen das Thema Wasserstoff sehr optimistisch“, meint Sebastian Ackermann, Leiter Kommunikation & Marke bei EnBW − und bis zum Jahreswechsel noch Pressechef bei der MVV Energie AG. Die EnBW fahre eine deutlich andere Strategie als die MVV Energie AG, stellt Ackermann klar.
Martin Boeckh
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