Grundlast für die Zukunft

Geothermiekongress in Potsdam öffnet Horizonte

„Trotz der Imponderabilien der Politik hat die Geothermie in Deutschland relativ stabile Bedingungen.“

v.l.n.r.: Sarah Borufka, Leiterin Kommunikation beim Bundesverband Geothermie, im Gespräch mit Stephanie von Ahlefeldt, Ministerialdirektorin beim Bundesministerium für Wirtschaft und Energie, Prof. Dr.-Ing. Ingo Sass, Leiter der Sektion Geoenergie am GFZ Helmholtz-Zentrum für Geoforschung, und Gregor Dilger, Geschäftsführer des BVG. Bild: media2business GmbH
v.l.n.r.: Sarah Borufka, Leiterin Kommunikation beim Bundesverband Geothermie, im Gespräch mit Stephanie von Ahlefeldt, Ministerialdirektorin beim Bundesministerium für Wirtschaft und Energie, Prof. Dr.-Ing. Ingo Sass, Leiter der Sektion Geoenergie am GFZ Helmholtz-Zentrum für Geoforschung, und Gregor Dilger, Geschäftsführer des BVG. Bild: media2business GmbH

Von Silke Schilling, Chefredaktion Moderne Gebäudetechnik

Am 21. und 22. Oktober trafen sich mehr als 550 Vertreterinnen und Vertreter aus Wissenschaft und Planung, Hochschulen, Industrie und Kommunen zum Geothermiekongress in Potsdam.

In der Eröffnungssession am Mittwoch waren sich die Grußwort- und Keynoteredner:innen weitgehend einig darüber, dass die Geothermie einen wichtigen Platz unter den Lösungen für eine sichere, regionale und wirtschaftsfördernde Energieversorgung in Deutschland belegt. Angesichts der durch Kriege und volatile Lieferketten, Engpässe und Preissprünge gefährdeten Versorgung durch Importe fossiler und klimagefährdender Brennstoffe muss die grundlastfähige Wärme aus der Tiefe nun verstärkt erkundet, gefördert und eingesetzt werden.

Grundsatzworte für grundlastfähige Wärme aus der Erde

Der Wärmesektor mit bislang nur 13 % Erneuerbaren im Energiemix muss aufholen, sagt Martina Klement, Ministerin für Wirtschaft, Energie, Klimaschutz und Europa des Landes Brandenburg. Obwohl auch Abwärme, Bioenergie und Solarenergie eine wichtige Rolle spielten, müsse hervorgehoben werden, dass etwa Geothermie deutlich weniger Platz beanspruche und, da unsichtbar, auch auf hohe Akzeptanz in der Bevölkerung treffe. Die politischen Rahmenbedingungen hätten sich u.a. mit der Verabschiedung des Geothermiebeschleunigungsgesetzes noch einmal verbessert. In Brandenburg gebe es viel Potenzial und zum Beispiel Energie und Wasser Potsdam baue die Tiefe Geothermie bereits heute intensiv aus.

„Geothermie rettet mich bei den deutsch-amerikanischen Beziehungen“, sagt Stephanie von Ahlefeldt, Abteilungsleiterin Energieeffizienz, Wärme, Energieforschung im Bundesministerium für Wirtschaft und Energie. Erneuerbare seien bekanntlich derzeit ein no-go in den USA, doch Geothermie sei davon ausgenommen. Von Ahlefeldt weist auf das in Arbeit befindliche Wärmenetzgesetz hin, dass u.a. die Einbindung der Geothermie in Wärmenetze erleichtern soll, erstickt aber mit Hinweis auf eine angespannte Finanzlage Hoffnungen auf mehr Förderung für Bohrungen. Ansonsten habe man die Unterstützung ihres Ministeriums. Unfair sei, dass Bewohner in Anschlussgebieten derzeit einem Fernwärmeanschluss widersprechen können, sagt Ahlefeldt. Das halte sie länger an der Gasheizung.

Trotz der Imponderabilien in der Politik habe die Geothermie in Deutschland relativ stabile Bedingungen, sagt Prof. Dr.-Ing. Ingo Sass, Leiter der Sektion Geoenergie am GFZ Helmholtz-Zentrum für Geoforschung und Professor für Angewandte Geothermie an der TU Darmstadt. Er ist seit 2005 in der Branche unterwegs und kennt sie sowohl aus der Perspektive der Industrie als auch aus der der Wissenschaft. In seiner Keynote wirft er einen Blick zurück auf das 20. Jahrhundert und hebt hervor, dass immer dann verstärkt an der Geothermie gearbeitet wurde, wenn es Krisen gab, die die Preise der Fossilen explodieren ließen. „Hätten wir früher stärker investiert, hätten wir heute weniger Preisschocks“, so Sass. Zudem weist er darauf hin, dass heute 50.000 Arbeitsplätze in der Branche zu besetzen wären, 10.000 davon müssten durch mehr Ausbildung ermöglicht werden. Leider sei man da derzeit nicht.

Sass spricht sich für mehr „Mittelmaß“ bei Fernwärmesystemen aus. Was meint er damit? Er kritisiert die Energie und Bürokratie, die man hier auf Dämmung und Effizienz verwendet, denn gerade bei verstärkter Geothermienutzung spiele es kaum eine Rolle, ob auf dem Weg vom Erzeuger zum Verbraucher 1-2 K verloren gehen. „Nur ein Prozent der Erdmasse sind kälter als hundert Grad Celsius“, sagt er. Das ist  genug Wärme, um auch etwas verschwenderisch damit umzugehen.

Auf das Thema der fehlenden Fachkräfte geht auch Prof. Rolf Bracke, Institutsleiter des Fraunhofer IEG, ein. Die Bohrindustrie hätte einst 100.000 Beschäftigte gehabt, sagt er. Diese Zahl sei geschrumpft auf wenige Tausend. Für die heute erforderlichen Millionen Bohrmeter müsse sich die Branche industrialisieren und Leute ausbilden.

Für seine langjährigen Verdienste um die anwendungsnahe Forschung zur Geothermie in Deutschland erhielt Bracke auf dem Kongress die Patricius-Medaille. Namensgeber der Auszeichnung ist der Heilige Patricius, dem eine frühe naturwissenschaftliche Erklärung geothermischer Prozesse zugeschrieben wird. In seiner Akzeptanzrede wünscht er sich zudem eine nationale Roadmap für die Erschließung petrothermaler Systeme in Deutschland. Bei der petrothermalen Geothermie handelt es sich - im Gegensatz zur hydrothermalen - um die Nutzung der im heißen, aber wasserarmen und gering durchlässigen Tiefengestein gespeicherten Erdwärme. 

In den USA etwa habe diese Zukunftstechnik massive Durchbrüche zu verzeichnen, erklärt Ingo Sass. Heißere und tieferliegenden Quellen müssten auch in Deutschland besser für die Strom- und Wärmeerzeugung erschlossen werden: „Wir müssen mehr bohren, damit bohren wirtschaftlich interssanter wird.“

„Investitionen in Geothermie sind Investitionen in die heimische Wirtschaft“, sagt Gregor Dilger, Geschäftsführer des Bundesverbands Geothermie. Dafür sollten Signale gesetzt werden. Nötig sei eine übergreifende Geothermie-Strategie, die auch Zielwerte definiere. Zudem brauche es mehr Kommunikation auch mit Blick auf die Fachkräftegewinnung.

Wissenschaft, Versorger und Industrie auf dem Geothermiekongress

Im Verlauf der beiden Kongresstage konnten sich die Teilnehmenden bei zahlreichen Vorträgen auf mehreren Bühnen, bei Poster-Rundgängen und in der Fachausstellung detailliert zum aktuellen Stand der Forschung, zu Pilotprojekten und anderen praktischen Anwendungsfällen, zu Zukunftstechnologien sowie relevanten Gesetzen und Regulatorien informieren. Vorausgegangen war bereits ein Tag intensiver Workshop-Sessions zu Fachthemen. Zudem konnten im Vorfeld und Nachgang der Veranstaltung in Potsdam eine Reihe von Fachexkursionen zu Standorten der Geothermieerkundung und -nutzung im Raum Berlin und Brandenburg belegt werden.

Dr.-Ing. Ali Saadat, Projektleiter Strategisches Asset Management beim Berliner Fernwärmeversorger BTB Energie GmbH erläutert das Projekt Reallabor GeoSpeicherBerlin. Bild: media2business GmbH
Dr.-Ing. Ali Saadat, Projektleiter Strategisches Asset Management beim Berliner Fernwärmeversorger BTB Energie GmbH, gibt auf dem Geothermiekongress einen Überblick zum Projekt Reallabor GeoSpeicherBerlin, bei dem im Sommer überschüssige Wärme aus dem Heizkraftwerk im Grundwasser gespeichert und im Winter zusätzlich nutzbar werden soll. Bild: media2business GmbH

Der Geothermiekongress im Kongresshotel Potsdam wurde ausgerichtet vom Bundesverband Geothermie und dem GfZ Helmholtz-Zentrum für Geoforschung in Potsdam. Zu den Hauptsponsoren zählten etwa die Fraunhofer-Einrichtung für Energieinfrastrukturen und Geotechnologien IEG sowie zahlreiche Industriepartner.

(Sc)

 

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