Fassadenverkleidung als Brandbeschleuniger

Fassadenverkleidung als Brandbeschleuniger

Dämmstoffe stellen unter Umständen ein hohes Risiko hinsichtlich des Brandschutzes an Gebäuden dar – so die bisherige Annahme. So galt die 2015/2016 angebrachte wärmegedämmte vorgehängte Fassade des Londoner Grenfell Towers, der am 14. Juni 2017 ausbrannte, als ursächlich für die schnelle Ausbreitung des Feuers. Die Katastrophe forderte 71 Menschenleben.

Was passiert bei einem Brand und wie brennbar sind Baumaterialien? Diese neue Grafik von Zukunft gibt darüber Aufschluss. (Grafik: Zukunft Altbau)
Was passiert bei einem Brand und wie brennbar sind Baumaterialien? Diese neue Grafik von Zukunft gibt darüber Aufschluss. (Grafik: Zukunft Altbau)

Doch nicht von den Dämmmaterialien selbst geht die Feuergefahr aus. In London brannte die Wetterschutzverkleidung der Dämmung völlig ab, wie die vorläufigen Ergebnisse der noch nicht abgeschlossenen Untersuchen ergaben. Die Wanddämmung hingegen blieb in großen Teilen erhalten. Das Feuer, das in Wohnung Nr. 16 durch einen defekten Kühlschrank ausgelöst wurde, gelangte durch ein geborstenes oder offenes Fenster an die Außenfassade, wo die Flammen innerhalb kürzester Zeit auf die Gebäudefassade übergriffen.

In Deutschland reagierten die Behörden auf die Londoner Katastrophe unter anderem mit der Räumung des Wohnkomplexes Hannibal I im Dortmunder Stadtteil Dorstfeld. An dem Gebäuderiegel aus acht nebeneinanderstehenden Terrassenhochhäusern wurden am 21. September 2017 erhebliche Brandschutzmängel festgestellt, woraufhin die Stadt Dortmund kurzfristig die Evakuierung aller 412 Wohnungen beschloss. Der Komplex ist seitdem unbewohnt.

„Bewohner und Baufachleute sollten die Feuergefahr durch Dämmung realistisch einschätzen“, erklärt Frank Hettler, Leiter des Unternehmens Zukunft Altbau. „Gebäudedämmungen bestehen in der Regel aus nicht brennbaren oder nur schwer entflammbaren Materialien", so Hettler weiter. Die Dämmstoffe auf der Außenseite von Gebäuden sind im Brandfall höchst selten das Problem. Sie fangen nur in fünf bis zehn Fällen pro Jahr Feuer. Eine wesentlich größere Gefahr für die Bewohner liegt bei einem Brand in der Inneneinrichtung.

Ursachen für Brände

Durchschnittlich 500 Wohnungsbrände brechen täglich in Deutschland aus – fast immer im Inneren der Wohnungen. Nur bei etwa jedem 20.000 Brand hat die Fassade etwas mit dem Feuer zu tun. In den Küchen der Bewohner entstehen die meisten Brände. Die Vielzahl elektrischer Geräte gilt als hauptsächliche Entstehungsursache. Technische Defekte und Fahrlässigkeit führen oftmals zu verheerenden Wohnungsbränden. Brandstiftung spielt eine ebenso bedeutende Rolle, betrachtet man allgemein die Brandursachen. Das Abbrennen von Kerzen oder fahrlässiges Rauchen gelten ebenfalls als häufige Gründe für die Entstehung von Bränden. Fassadendämmungen werden als Brandverursacher nicht genannt.

Ist das Feuer entfacht, brennen zuerst Tische, Stühle, Regale, Betten, Schränke, Gardinen etc. nieder, bevor sich die Flammen ihren Weg durch das Fenster und die Stockwerke nach oben bahnen. Erst ab diesem Punkt ist auch die Gebäudedämmung in Gefahr. Die meisten Materialien brennen jedoch schlecht und halten einem Feuer längere Zeit stand. Glas- oder Steinwolle sind klassische Fassadendämmstoffe. Sie können nicht brennen.

Natur- oder Kunststoffdämmung

Naturdämmstoffe mit entsprechenden Zusätzen eignen sich hervorragend zur Fassadendämmung. Organische Stoffe wie Kunststoffschäume lassen sich ebenfalls verwenden. Aus Kostengründen kommen dabei vor allem Dämmplatten aus Polystyrol, auch EPS-Dämmplatten genannt (EPS für expandiertes Polystyrol), zum Einsatz. In den vergangenen Jahren sind sie immer öfter in Verbindung mit Hausbränden in den Fokus gerückt, wodurch sie stärker in die Kritik gerieten. Polystyrol ist grundsätzlich brennbar. Wird es für Dämmplatten verwendet, fügen die Hersteller jedoch ein Flammschutzmittel hinzu, wodurch die Platten schwer entflammbar werden.

„In Deutschland zugelassene Wärmedämm-Verbundsysteme aus Polystyrol werden seit Langem bei einer Fassadenbrandprüfung gründlich auf ihr Brandverhalten untersucht und sind hinreichend sicher“, bestätigt Markus Weißert vom Fachverband der Stuckateure für Ausbau und Fassade Baden-Württemberg und erklärt weiter: „Zahlreiche Einrichtungsbestandteile in Privathaushalten brennen oft sehr viel leichter als die Gebäudedämmung.“ Es sind vor allem Textilien, Möbel sowie PVC-Böden, die schnell Opfer der Flammen werden. Sie brennen innen und verursachen im Ernstfall giftige Rauchgase.

Polystyrol kann nach einiger Zeit bei hoher Temperatur jedoch brennen und abtropfen. Um das Brandrisiko bei Wärmedämm-Verbundsystemen aus EPS zu minimieren, gilt bei Mehrfamilienhäusern eine Brandschutz-Pflicht. Sie verhindert die Weiterleitung des Brandes über die Dämmung auf andere Geschosse. Hauseigentümer müssen sich zwischen einem Sturzschutz oder einem Brandschutzriegel entscheiden.

  • Sturzschutz: Nicht brennbares Dämmmaterial, häufig Stein- oder Mineralwolle, wird über und neben den Fenstern außen angebracht.
  • Brandriegel: Ist in jedem zweiten Stock über die Fenster ein um das Gebäude laufender Riegel aus nicht brennbaren Dämmmaterialien.

Ein Sturzschutz ist seit 1998/1999 im Baurecht vorgeschrieben, die Alternative Brandriegel seit den Jahren 2006/2007.

Die Wahl der richtigen Fassadendämmung

In nur 0,005 Prozent aller Wohnungsbrände in Deutschland sind brennende Dämmungen die Ursache. Fassadenbrände kommen also praktisch nicht vor. Die Fakten sprechen gegen das, was in Diskussionen häufig behauptet wird. Meist befinden sich die brennenden Fassaden sogar noch in der Bauphase.

Dämmstoffe unterliegen in Deutschland den gleichen Sicherheitsstandards wie alle anderen Baumaterialien. Sie werden in die vier Kategorien leicht entflammbar, normal entflammbar, schwer entflammbar und nicht brennbar eingeteilt (B3, B2, B1 und A1/A2).

Die Gebäudeklasse bestimmt maßgeblich, welche Brandschutzvorgaben die Bauteile erfüllen müssen. Bei kleinen Gebäuden mit einer Höhe unter sieben Metern, z. B. bei Einfamilienhäusern, reicht eine normal entflammbare Fassadenbekleidung aus. Hier schätzt man die Fluchtmöglichkeiten höher ein als bei Mehrgeschossern. Zwischen sieben und 22 Metern gilt für die Immobilien die Kategorie schwer entflammbar. Dazu zählen unter anderem Polystyrol-Dämmplatten. In Hochhäuser dürfen ausschließlich nicht brennbare Dämmstoffe wie Stein- oder Mineralwolle verbaut werden.

„Hauseigentümer sollten bei der Dämmung mittels Wärmedämmverbundsystemen auch darauf achten, dass es sich um bauaufsichtlich zugelassene Systeme handelt“ rät Frank Hettler. „Sie müssen zudem fachgerecht eingebaut werden.“ Noch mehr Sicherheit bieten nicht brennbare Fassadendämmungen und die vorgeschriebene Platzierung von Müllcontainern oder gelben Säcken im Abstand von mindestens drei Meter zum Gebäude. Gebäudeenergieberater können bei der Wahl der Fassadendämmung beratend zur Seite stehen. Sie klären über die Eigenschaften einzelner Dämmmaterialien auf und helfen bei der Auswahl eines geeigneten Dämmstoffs. Außerdem beraten sie Hauseigentümer, welche Sicherheitsvorkehrungen die Gefahr eines Wohnungsbrands reduzieren.