Risikoabsicherung

Klimawandel und Starkregenereignisse

In der Versicherungsbranche ist das Thema Starkregen schon länger präsent. Spätestens mit dem Niederschlag in Münster am 28.07.2014 mit knapp 300 l/m² in sieben Stunden und einem resultierenden Schaden von etwa 200 Mio. Euro gewann die Thematik noch an Bedeutung. Durch die Ereignisse in den letzten Jahren wie in Simbach und Braunsbach (2016) sowie Berlin (2017), stieg das Interesse an dieser Naturgefahr noch weiter.
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1 – Der Klimawandel erhöht die Häufigkeit von Extremwetterereignissen wie Dürren und Starkregen. Bei Regenwassermanagement und Risikovorsorge muss deshalb umgedacht werden. Bild: stock.adobe.com/fotoember
1 – Der Klimawandel erhöht die Häufigkeit von Extremwetterereignissen wie Dürren und Starkregen. Bei Regenwassermanagement und Risikovorsorge muss deshalb umgedacht werden. Bild: stock.adobe.com/fotoember

Trotz der – verglichen mit anderen Naturgefahren wie Sturm – sehr hohen Schadendurchschnitte wird die Risikovorsorge bezüglich Starkregen in der Öffentlichkeit immer noch unterschätzt. Umfragen der GfK sowie Forsa stützen dies. Sie zeigen teilweise eklatante Fehleinschätzungen unter Immobilieneigentümern, die im Schadenfall zu einem wirtschaftlichen Totalschaden führen können.

Entstehung von Starkregenereignissen

Eine gebräuchliche Definition von Starkregen ist „Regen, der im Verhältnis zu seiner Dauer eine hohe Niederschlagsintensität hat und daher selten auftritt, z. B. im Mittel höchstens zweimal jährlich“. Es wird also kein allgemeiner Schwellenwert, sondern die lokale Eintrittswahrscheinlichkeit einer Niederschlagssumme als Maß verwendet. Die örtliche Summe der Niederschläge für eine definierte Dauerstufe und Wiederkehrperiode wird im DWD-KOSTRA-Atlas veröffentlicht und auch für planerische Zwecke wie der Dimensionierung der Abwasserrohre verwendet (siehe Bild 1).

Starkregen kann durch verschiedene Mechanismen entstehen, die sich in Konvektion, Konvergenz und erzwungene Hebung einteilen lassen. Bei der Konvektion steigt warme und feuchte Luft auf und der in der Luft enthaltene Wasserdampf kondensiert. Hierdurch wird latente Wärme frei, die den Auftrieb wieder verstärkt. Daneben kann Starkregen – wie im bereits angesprochenen Fall von Münster im Jahr 2014 – durch das Zusammenströmen von Kalt- und Warmfronten entstehen (Konvergenz). In diesem Fall wird das Aufsteigen nicht thermisch induziert, sondern durch das Zusammenfließen von Luftmassen unterschiedlicher Temperatur. Durch die Dichteunterschiede der beiden Luftmassen gleitet die warme Luft auf die schwerere Kaltluft und kühlt während des Aufsteigens ab, so dass der gespeicherte Wasserdampf kondensiert und sich Niederschlag bildet. Starkregen durch erzwungene Hebung entsteht dagegen nicht durch das Zusammenströmen zweier Luftmassen unterschiedlicher Temperatur, sondern durch orographische Hindernisse, die die Luft zum Aufsteigen zwingen.

Charakteristisch für alle Starkregenereignisse sind die großen horizontalen Gradienten der Niederschlagssumme, die sich innerhalb von wenigen Kilometern deutlich unterscheiden können. Diese Gradienten lassen sich gut am Beispiel des Starkregens in Münster verdeutlichen: Während an der vom Landesamt für Natur, Umwelt und Verbraucherschutz Nordrhein-Westfalen (LANUV) betriebenen Messstation „Hauptkläranlage“ in Münster innerhalb von sieben Stunden 292 l/m² registriert wurden, sind an der Station am Flughafen Münster/Osnabrück lediglich 20 l/m² gemessen worden. Beide Stationen liegen lediglich 14 km auseinander. Dies verdeutlicht, dass Starkregen mit herkömmlichen Methoden wie Messgeräten nach Hellmann nicht ausreichend vermessen werden kann (Bild 2). Aufgrund des großen Abstands der Stationen und der sehr lokalen Ereignisse wird selten der maximale Niederschlag der Zelle detektiert und somit die Niederschlagssumme tendenziell unterschätzt. Daher bietet sich lediglich das Radar als flächendeckend messendes Gerät mit einer horizontalen Auflösung von 1 km x 1 an.

Aufgrund der Lokalität der Ereignisse lässt sich Starkregen auch nur bedingt vorhersagen. Somit können Hausbesitzer im Gegensatz zu großräumigen Winterstürmen nur mit sehr kurzer Vorlaufzeit gewarnt und somit schadenreduzierende Maßnahmen eingeleitet werden. Aufgrund der kleinräumigen Prozesse, die zur Entstehung von Starkregenereignissen führen und nicht explizit in den Modellen der numerischen Wettervorhersage enthalten sind, können über Proxies wie der CAPE (Convective Available Potential Energy) lediglich lokale Wahrscheinlichkeiten ausgegeben werden, dass es zu einem Starkregen infolge von Konvektion kommen kann. Die genaue Zugbahn der konvektiven Zelle kann dagegen nicht vorhergesagt werden.

Starkregen in der Versicherungsbranche

Aus diesem Grund – und der Tatsache, dass der Anteil des Schadenaufwands durch Starkregen bei der Provinzial mehr als 50 % des gesamten Elementarschadenaufwands ausmacht – kommt der Vorsorge eine große Bedeutung zu. Diese kann sowohl durch bauliche Maßnahmen oder einen entsprechenden Versicherungsschutz erreicht werden. Durch verschiedene Umfragen werden viele Missverständnisse aufgedeckt, die für betroffene Gebäudebesitzer unter Umständen sehr teuer und existenzgefährdend sein können, weil der Schadendurchschnitt nach Starkregenereignissen mit mehr als 6.500 € deutlich höher liegt als bei Schäden, die durch Winterstürme ausgelöst worden sind (etwa 800 €). Darüber hinaus darf nicht vergessen werden, dass es sich lediglich um den Durchschnitt handelt – der höchste dem GDV (Gesamtverband der deutschen Versicherungsbranche) an einem Einfamilienhaus gemeldete Schadenaufwand nach einem Starkregenereignis lag bei über 700.000 € und entspricht damit de facto einem wirtschaftlichen Totalschaden am betroffenen Gebäude. Trotz dieser Zahlen ist die Thematik Starkregen und Elementarschadenversicherung noch nicht in ausreichendem Maße in der Bevölkerung angekommen.

Die Bedeutung der Vorsorge wird noch durch eines der Ergebnisse des gemeinsamen Projekts von DWD und GDV unterstrichen: Anhand der Kombination von Bodenmessungen und Radardaten (RADOLAN) konnte gezeigt werden, dass kurzzeitige Starkregen mit einer Dauerstufe von weniger als neun Stunden in ganz Deutschland auftreten können und somit Überschwemmungen auch abseits von Gewässern möglich sind.

Eines der großen Missverständnisse ist, dass Schäden infolge von Starkregen über die normale Wohngebäudeversicherung abgesichert sind. Diesem Irrtum sind nach einer Umfrage der GfK 93 % der Hausbesitzer unterlegen, die davon ausgehen, gegen alle Naturgefahren versichert zu sein. Zur vollständigen Absicherung gegen Naturgefahren wird neben der normalen Hausrat- oder Wohngebäudeversicherung – aber im Allgemeinen auch in der Gewerbeversicherung – noch ein zusätzlicher Baustein, die Elementarschadenversicherung, benötigt. Dieser Baustein schützt unter anderem vor den finanziellen Folgen, die aus Hochwasser, Starkregen oder Schneedruck entstehen können. Bislang sind bundesweit aber lediglich – allerdings mit starken regionalen Unterschieden – 45 % der Gebäude über die Elementarschadenversicherung gegen alle versicherbaren Naturgefahren abgesichert.

Der Anteil der Gebäudebesitzer, die eine solche Elementarschadenversicherung abgeschlossen haben, steigt seit Jahren streng gleichförmig an. Angesichts der Ereignisse in den letzten Jahren und den entsprechenden Berichten in der Presse erfolgt dieser Anstieg jedoch relativ langsam. Dabei gab es viel Anlass, sich mit einer Erweiterung des Versicherungsschutzes zu beschäftigen. So führten einzelne Ereignisse wie in Münster und Simbach sowie Braunsbach zu Schäden im dreistelligen Millionenbereich.

Soll ein Gebäude über die Elementarschadenversicherung gegen die Gefahr Starkregen versichert werden, erfolgt zur Berechnung des zu entrichtenden Beitrags eine Risikoanalyse, die auch den Standort des Gebäudes miteinschließt. Hierfür nutzen fast alle Versicherer in Deutschland das Zonierungssystem für Überschwemmung, Rückstau und Starkregen (ZÜRS), das über die VdS Schadenverhütung GmbH, ein dem GDV angeschlossenes Unternehmen, bereitgestellt wird. In ZÜRS wird das Hochwasserrisiko – eingeteilt in vier Klassen, die sich aus den lokalen Wiederkehrperioden von Überschwemmungen ergeben – für alle Gebäude in Deutschland abgebildet und den Versicherungen für Tarifierungszecke zur Verfügung gestellt.

Neben den Hochwassergefahrenklassen werden in ZÜRS mittlerweile auch Starkregengefahrenklassen zur Verfügung gestellt, die anhand von digitalen Geländemodellen sowie der Nähe zu Gewässern abgeleitet werden. Hierfür werden anhand eines digitalen Geländemodells Landformklassen, beispielsweise Senken, Ebenen oder Kuppen, abgeleitet und somit die Gefährdung durch Starkregen und dessen Abfließen sehr detailliert bewertet.

Die Kombination aus Hochwasser- und Starkregengefahrenklasse ermöglicht eine genaue Analyse des lokalen Risikos und somit auch eine Abschätzung der individuellen präventiven Maßnahmen.

Im Gegensatz zu den Hochwassergefahrenklassen, die aufgrund der europäischen Hochwasserrisikomanagement-Richtlinie (HWRM-RL) unter https://geoportal.bafg.de/karten/HWRM/ für die Allgemeinheit veröffentlicht sind, stehen die deutschlandweiten Starkregengefahrenklassen nur innerhalb der Versicherungswirtschaft zur Verfügung. Es gibt auch in vielen Städten und Kommunen lokale Starkregengefahrenkarten, die allerdings nur teilweise für die Öffentlichkeit freigegeben sind.

Ausblick

Das Thema Starkregen wird die Versicherungsbranche zukünftig noch stärker beschäftigen, weil durch die Temperaturzunahme die Wahrscheinlichkeit für solche Ereignisse ansteigen wird. Klimaprojektionen zeigen, dass die Sommer zwar generell trockener werden, die konvektive Niederschläge aufgrund der höheren Lufttemperaturen dafür voraussichtlich intensiver ausfallen. Darüber hinaus werden solche Ereignisse zukünftig nicht nur wie bisher auf die Sommermonate beschränkt sein, sondern immer weiter auch in den kälteren Jahreszeiten auftreten. Dementsprechend wird sich die gesamte Branche auch zukünftig intensiv mit dem Thema auseinandersetzen und die bisherigen Analysen und Prozesse verfeinern.

Dr. Tim Peters

Dr. Tim Peters
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Artikel Klimawandel und Starkregenereignisse
Seite 12 bis 14
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