Beispielhafte Sanierung: degewo-Zukunftshaus in Berlin

Das Berliner Wohnungsbauunternehmen degewo zählt mit über 73.000 Wohnungen im Eigen- und Fremdbestand sowie rund 1.100 Mitarbeitern bundesweit zu den größten und leistungsfähigsten Konzernen der deutschen Wohnungswirtschaft. Mit dem degewo-Zukunftshaus hat die Wohnungsbau-gesellschaft einen typischen Geschosswohnungsbau aus den 1950er Jahren in ein energetisch vorbildliches Gebäude mit 64 hochmodernen Wohnungen verwandelt – und setzt dabei auf verschiedenste Umwelttechniken.
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Von links: TGA-Fachplaner Peter Forster, Inhaber des Inge-nieurbüros Forster, Rainer Bläsche vom Heizungs-Sanitär-Installationsunternehmen Harry Olivier KG, Bauherr Christian Ciaglia von der degewo-Tochter degewo netzWerk GmbH sowie die Stiebel-Eltron-Experten Patrick Faika (hinten) und Gunnar Wilcke im Technikraum an der Wärmepumpenanlage Bild: Stiebel Eltron
Von links: TGA-Fachplaner Peter Forster, Inhaber des Inge-nieurbüros Forster, Rainer Bläsche vom Heizungs-Sanitär-Installationsunternehmen Harry Olivier KG, Bauherr Christian Ciaglia von der degewo-Tochter degewo netzWerk GmbH sowie die Stiebel-Eltron-Experten Patrick Faika (hinten) und Gunnar Wilcke im Technikraum an der Wärmepumpenanlage Bild: Stiebel Eltron

„Eine Sanierung auf diesem Niveau, in einer solchen umfassenden Art und Weise, war auch für uns etwas Neues“, sagt Christian Ciaglia von der degewo-Tochter degewo netzWerk GmbH. Er ist Ansprechpartner für das technische Konzept im Zukunftshaus. Und das hat es in sich: „Zuerst einmal wurde das Gebäude selbstkomplett saniert, Balkone wurden vorgestellt, die Wohnungen auf den modernsten Stand gebracht, teilweise auch Grundrissänderungen vorgenommen, und die Gebäudehülle wurde massiv ertüchtigt.„Auf dem Dach und teilweise an der Fassade wurde ein Mix aus reiner PV-Anlage und hybrider PV-Solarthermie-Anlage installiert, so dass gleichzeitig Photovoltaikstrom erzeugt und solare Wärme gewonnen wird. Den Hauptanteil an der Wärmeversorgung übernimmt eine Wärmepumpenanlage, und zur Sicherheit ist auch noch ein Fernwärmeanschluss gegeben. Außerdem verfügt jede Wohnung über eine zentrale kontrollierte Lüftungsanlage mit Wärmerückgewinnung“, zählt Christian Ciaglia auf.

1.000-m³-Erdpackung speichert Wärme

„Auf der freien Fläche vor dem Haus haben wir einen unterirdischen E-Tank erstellt, in dem überschüssige Wärme von der Solaranlage – die nicht für den jeweils aktuellen Wärmeverbrauch im Haus benötigt wird – gespeichert wird“, ergänzt Peter Forster, Inhaber des Ingenieurbüros Forster, das die TGA-Planung durchführte. „Dieser E-Tank ist ein großer Erdkollektor, über 700 Quadratmeter groß und ca. 1,4 Meter dick – also eine fast 1.000 Kubikmeter große Erdpackung, die über in Schlangen verlegte Kunststoffleitungen, in denen als Wärmeträgermedium ein Wasser-Glykol-Gemisch zirkuliert, erwärmt wird. Die Speicherkapazität beträgt rund 62 Megawattstunden!“ Aus dieser Erdpackung bedient sich auch die Wärmepumpenanlage. Installiert ist eine Kombination aus einer WPF 40, die eine Wärmeleistung von rund 43 kW (bei B0/W35) bietet, sowie einer WPF 27 HT, die speziell für hohe Temperaturen entwickelt wurde und deshalb vorrangig für die Warmwasserbereitung zuständig ist. Beide kommen aus dem Hause Stiebel Eltron.

„Grundsätzlich übernimmt die Wärmepumpenanlage die Beheizung und Warmwasserbereitung“, erklärt Gunnar Wilcke, technischer Ansprechpartner von Stiebel Eltron, der das Projekt schon in der Planungsphase mit begleitet hat. Der Antriebsstrom für die Wärmepumpen kommt zum Großteil von der eigenen PV-Anlage. Außerdem wird der eigene PV-Strom im Haus für die Allgemeinversorgung genutzt. Produzieren die Module einen zusätzlichen Überschuss, wird dieser in den modernen 70 kWh großen Batteriespeicher direkt vor dem Haus geleitet. Dabei handelt es sich um einen hochmodernen Redox-Flow-Speicher, der gegenüber konventionellen Lithium-Ionen-Speichern eine Tiefentladung, d. h. komplette Ausnutzung der elektrischen Speicherkapazität, erlaubt. Damit kann der Sonnenstrom zeitversetzt genutzt werden, auch wenn die Sonne einmal nicht scheint.

Der PV-Strom wird zudem über den Vermarktungspartner von degewo, der BTB Berlin GmbH, den Mietern als Mieterstrom angeboten. Die Wärmeverteilung im Gebäude erfolgt über in den Decken installierte Heizflächen – so kann die Systemtemperatur deutlich niedriger sein als bei Verwendung herkömmlicher Heizkörper, was die Effizienz des Heizsystems und die Behaglichkeit verbessert.

Komplexe und anspruchsvolle Aufgabe

Für die Heizungs-Sanitär-Installateure des ausführenden Unternehmens Harry Olivier KG waren die Arbeiten im degewo-Zukunftshaus durchaus etwas Besonderes, berichtet Rainer Bläsche: „Das war schon eine extrem komplexe und anspruchsvolle Aufgabe; der Technikraum hat nur 25 Quadratmeter und der Platz ist bis auf den letzten Zentimeter genutzt worden. Extrem hilfreich war die sorgfältige 3D-Planung des TGA-Planungsbüros. Wir planen ausschließlich in 3D und mit BIM-Daten“, so Peter Forster.

Betriebskosten deutlich gesenkt

Dank der umfangreichen Sanierung wurden die energetischen Kennwerte des Gebäudes massiv verbessert, zieht Christian Ciaglia ein positives Fazit: „Der errechnete Wärmebedarf der Wohnungen beträgt nur noch rund 15 Prozent des Wertes vor der Sanierung. Die warmen Betriebskosten können um rund zwei Drittel gesenkt werden, die CO2-Emissionen pro Wohnung etwa auf die Hälfte. Wir hoffen, diese Planungswerte jetzt auch in der Praxis zu erreichen und sehen der kommenden Heizperiode positiv entgegen. Ganz abgesehen von den reinen Zahlen ist der Wohnkomfort extrem hoch. Wir müssen aber auch ganz klar sagen, dass es sich bei dem Zukunftshaus ein Stück weit um ein Forschungsprojekt handelt, bei dem wir testen, welche Maßnahmen wirklich sinnvoll sind. Und dann muss im individuellen Einzelfall immer wieder neu entschieden werden, was tatsächlich umgesetzt wird“.

Das Projekt wurde unter wissenschaftlicher Begleitung von Friedrich Sick, Professor an der Hochschule für Technik und Wirtschaft (HTW), durchgeführt. Drei Jahre lang soll im Rahmen eines Forschungsprojekts die Energiebilanz des „Zukunftshauses“ nachvollzogen werden, um den Erfolg des Projekts zu überprüfen und gegebenenfalls nachzusteuern.

TGA-Planer Peter Forster zur Nutzung von BIM-Daten

TGA-Fachplaner Peter Forster setzt bei großen oder anspruchsvollen Projekten wie dem Zukunftshaus grundsätzlich auf BIM (Building Information Modeling): „Die Verwendung von BIM stellt eine neue Herangehensweise an die immer komplexer werdenden Planungsaufgaben im Bereich der technischen Gebäudeausrüstung dar. An die Stelle einer zweidimensionalen Zeichnung tritt ein vollständiges dreidimensionales Modell der Anlage, das nicht nur aus beliebigen Ansichten betrachtet und geschnitten werden kann, sondern auch die technisch relevanten Informationen der Komponenten beinhaltet“.

Folgende Vorteile bietet die Anwendung der Planungsmethode:

  1. Erheblich besseres Gesamtverständnis einer Planung durch dreidimen-sionale Darstellung der Anlagentechnik. Dabei hilft insbesondere die vor der eigentlichen technischen Planungsaufgabe notwendige Modellierung des Gebäudes.
  2. Die Koordination der unterschiedlichen Gewerke kann nahezu fehlerfrei erfolgen, da Kollisionen automatisch geprüft und unmittelbar erkennbar werden.
  3. Die Planungsqualität und die sehr gut verständliche Dokumentation der Planung im Modell transportiert die Informationen für die Monteure schneller und leichter verständlich und minimiert den Nachbesserungsaufwand auf der Baustelle.
  4. Vollständige automatische Massenauszüge reduzieren das Kostenrisiko und das Nachtragsmanagement in hohem Maße.
  5. Die Einhaltung von Bauabläufen und Terminen wird verbessert, da Material-bestellungen im Wesentlichen vollständig sind, keine Wartezeiten durch Nachbestellungen erforderlich werden und die Montageabläufe ungestört durchgeführt werden können.
  6. Werden dennoch Änderungen erforderlich, können diese sauber und nach-vollziehbar dokumentiert werden.
  7. Bei entsprechend gut aufbereiteten Datensätzen der eingebauten Kompo-nenten können auch Lebenszykluskosten mit berücksichtigt und die Informa-tionen an das Facility Management weitergegeben werden.

Henning Schulz

Henning Schulz
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Beispielhafte Sanierung: degewo-Zukunftshaus in Berlin
Seite 38 bis 40
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