All-in-one-Fassade dämmt, heizt, lüftet und spart Energie
Das Stadtquartier Sahlkamp im grünen Nordosten Hannovers, zwischen der A2 und dem Mittellandkanal, ist ein Mix aus schmucken Ein- und Zweifamilienhäusern sowie typischen Wohnblocks der 1970er-Jahre. Ein Komplex am Hagebuttenweg direkt an der Hauptstraße fällt derzeit besonders auf. Hier setzt das Wohnungsunternehmen Vonovia, das sich mittlerweile stärker auf Sanierung statt auf Neubau konzentriert, vorgefertigte Fassadenelemente zur Modernisierung seines Gebäudebestands ein. Ziel des Projekts ist es, sieben Gebäude mit 75 Wohnungen und rund 6.100 m² Wohnfläche auf den KfW-40-Standard zu bringen. Das bedeutet eine Verbesserung der Effizienzklasse von F auf A und entspricht damit dem Neubaustandard.

Lag der Energieverbrauch vor der Sanierung noch bei 171 kWh/m²a, soll er laut Berechnungen auf 22 kWh/m²a fallen. Dafür investiert der Konzern 8,7 Mio. Euro und nutzt dabei die „KfW-Förderung 40 + SerSan-Bonus + Erneuerbare-Energien-Klasse“. Alternativ wäre auch der Einsatz von Wärmepumpen denkbar gewesen. Doch dies sei Vonovia zufolge deutlich teurer geworden, nicht zuletzt mit Blick auf die Kosten der Wartung und Energieumlage für die Mieter.
Bautafel
Bauherr: Vonovia, Hannover
Projektpartner:
• Elk Kampa Gruppe, Wien Produktion und Montage der Fassadenelemente
• Vestaxx GmbH, Berlin Entwicklung der Heizfenster
• Deutsche Energie-Agentur (dena), Berlin und
• Klimaschutzagentur Region Hannover Beratung Energiesprong-Prinzip
Hoher Vorfertigungsgrad ist entscheidend
Wer heute große Wohnkomplexe schnell, effizient, klimafreundlich und kostengünstig modernisieren will, kommt um einen Paradigmenwechsel kaum mehr herum. Zunehmend gefragt sind standardisierte, vorgefertigte Fassadenelemente – inklusive Fenster, Dämmung und Haustechnik. Das weiß auch Luka Mucic, CEO der Vonovia: „Die klimaneutrale Transformation unseres Gebäudebestands ist eine zentrale Aufgabe mit anspruchsvollen Anforderungen. Gleichzeitig fehlen vielerorts die notwendigen Fachkräfte für eine zügige Umsetzung. Serielle Modernisierung begegnet dieser Herausforderung durch einen hohen Vorfertigungsgrad und schafft Tempo sowie Planungssicherheit.“ In enger Zusammenarbeit mit der Elk Kampa Gruppe, Wien, und der Vestaxx GmbH, Berlin, wurde ein neuartiges Fassadenelement entwickelt, das Wärmedämmung, Lüftung, Heizfenster sowie Photovoltaikmodule integriert. Die 12 m langen und rund 30 cm dicken großformatigen Fassadenelemente werden zu etwa 80 % in Holzrahmenbauweise im brandenburgischen Werk Freiwalde vorgefertigt.


Just-in-time gelangen sie anschließend auf die Baustelle nach Hannover. Dort werden sie einfach etagenweise auf vorbereitete Anker in der Fassade gesetzt. Konsolen in den Zwischendecken zum Keller und Erdgeschoss nehmen einen Großteil der Lasten auf. Die alten Fenster werden später sukzessivedemontiert.
Solarfassade als Energiequelle
In die 18-Pfosten-Riegel-Konstruktion mit Mineralwolldämmung sind bereits mehrere technische Komponenten integriert: Solarpaneele, Lüftung mit Wärmerückgewinnung, Jalousie sowie Infrarot-Heizfenster. Diese seriell gefertigten Solarfassaden kommen auf der Südseite der bestehenden Fassade zum Einsatz. Sie sollen dafür sorgen, dass sich künftig der Energiebedarf allein durch die Verbesserung an Gebäudehülle um bis zu 90 % reduziert.

Die Wandelemente auf der Nordseite sind nicht mit Solarpaneelen versehen. Die Montage per Mobilkran verläuft in wenigen Minuten. Ein Gerüst ist nicht erforderlich. Die Arbeiten begannen im Dezember 2025 und sollen bis Herbst 2026 beendet sein. Während der Sanierung können die Mieter in ihren Wohnungen bleiben. Dies erspart der Vonovia auch erhebliche Umzugskosten. Die Mieter müssen sich auch nicht mehr um die Lüftung der Wohnräume kümmern. Das übernehmen automatisch die Lüftungshauben am Fassadenelement.

Ein Teil der viergeschossigen Gebäude steht bereits mit neuem Antlitz und sieht neben den unsanierten fast futuristisch aus. Für die Hochhäuser wird mehr Zeit benötigt, da die vorhandenen Asbestschindeln erst noch fachgerecht demontiert werden müssen.
Infrarot-Heizfenster als alternatives Heizsystem
Highlight des innovativen Wandelements sind die neuartigen Heizfenster. Diese sind so konstruiert, dass sie mit einer Heizleistung von 200 bis 300 W/m² die bisherigen Gasheizungen überflüssig machen. Geschäftsführer Andreas Häger, der als Elektroingenieur maßgeblich an der Entwicklung beteiligt war, erklärt: „Die Wärmewende kann nur gelingen, wenn wir schneller werden. Hier setzt Vestaxx an. Das Fenster als alleiniges Heizelement erfüllt alle Anforderungen: hoher Vorfertigungsgrad, keine Wartungskosten und automatische Verbrauchserfassung über Zähler im Keller.“ Durch den Einsatz von CO2-neutralem Strom kann, wie er betont, der CO2-Ausstoß kostengünstiger eliminiert werden.
Mit nur 1 m² Heizgas können etwa 10 bis 15 m² Wohnfläche effizient beheizt werden. Zusätzliche energetische Maßnahmen an der Heizungsanlage im Gebäude sind daher nicht notwendig. Die Produktion der Heizscheiben selbst verursacht lediglich 2,5 kg CO₂/m² Glas.
Bonus für serielles Sanieren
Der neue KfW-Bonus für Fassaden wurde im Rahmen der Bundesförderung für effiziente Gebäude in den Förderprodukten „Wohngebäude – Kredit“ (261), „Kommunen – Kredit“ (264) und „Kommunen – Zuschuss“ (464) eingeführt. Den Bonus gibt es, wenn die Effizienzhaus-Stufe 40 oder 55 erreicht wird und folgende Maßnahmen enthält:
Die neuen Fassaden- bzw. Dachelemente müssen mindestens aus einer werkseitig vorgefertigten Tragkonstruktion für die Dämm- und Witterungsebene bestehen, die auf einem digitalen 3-D Aufmaß basiert.
Mindestens 80 % der Flächen gegen Außenluft der wärmeübertragenden Fassaden oder alternativ der gesamten Fassaden des bestehenden Gebäudes müssen vollständig mit seriell werkseitig vorgefertigten Fassadenelementen saniert werden.
Die seriell werkseitig vorgefertigten Fassaden- bzw. Dachelemente müssen in Größe und Form unverändert vor Ort angebracht werden. Deren Höhe muss mindestens der Raumhöhe der jeweiligen Erd- und Obergeschosse des zu sanierenden Gebäudes entsprechen. Ausgenommen von der Mindesthöhe sind Elemente, die direkt unterhalb von Dachüberständen angebracht werden.
Bei Fassaden- bzw. Dachelementen, die Fenster enthalten, müssen die Fenster oder deren Rahmen bereits werkseitig in die Elemente integriert sein.
Der Bonus beträgt 15 % der Investitionskosten. Er wird als Tilgungszuschuss gutgeschrieben und lässt sich zusätzlich mit der Erneuerbare-Energien-Klasse (EE-Klasse), der Nachhaltigkeits-Klasse (NH-Klasse) und dem Worst-Performing Building-Bonus (WPB) kombinieren.
Dreifachverglasung mit dünner Metalloxidschicht
Auch der Wärmedurchgangskoeffizient verbessert sich erheblich: Er sinkt von etwa 3 W/m²K der bisherigen Fenster auf rund 0,5 W/m²K.
Äußerlich unterscheiden sich die Heizfenster nicht von herkömmlichen Dreifachverglasungen. Eine dünne Metalloxidschicht (TCO) wird per Nanotechnologie auf das Glas aufgebracht. Sie ist rund tausendmal dünner als ein menschliches Haar.Wird elektrische Spannung angelegt, fließt Strom durch diese Schicht und wird direkt in Wärme umgewandelt. Rund 95 % der Energie gelangen so als Infrarotstrahlung in den Raum. Nur etwa 5 % gehen nach außen verloren.

Infolge ihrer geringen Masse kann die Heizscheibe schneller als eine Fußbodenheizung reagieren. Zur Herstellung von 1 m² Heizglas sind nur geringe Materialmengen nötig: etwa 3 g TCO (Zinkoxid), 1 g Silberleitkleber und rund 2 m dünnes Kupferleitband. „Diese optimierte Materialnutzung führt nicht nur zu einer geringeren Umweltbelastung, sondern trägt ebenfalls zur Kosteneffizienz bei“, betont Häger.
Gesteuert wird das Ganze über ein spezielles Thermostat im Raum, das mit einem Vorschaltgerät in der Fensterlaibung kommuniziert. Bewohner können ihre gewünschte Raumtemperatur manuell oder automatisch durch entsprechende Heizprofile regeln. Mit dieser Fensterheizung des Berliner Unternehmens werden Fenster eine Art unsichtbarer Elektro-Flachheizkörper.
Mieten bleiben moderat
Mithilfe der neuen Gebäudehülle und PV-Anlagen auf den Dächern des Hagebuttenwegs 19-31 soll so viel regenerative Energie erzeugt werden, wie die Mieter für Heizung, Warmwasser und Haushaltsstrom jährlich verbrauchen. Vonovia verspricht dabei, dass sich die Bruttomieten nach der Sanierung dank der Energieeinsparungen nur um 49 Ct/m2 erhöhen. „Mit der seriellen Modernisierung im Hagebuttenweg zeigen wir, wie sich Klimaschutz, Innovation und sozialverträgliches Wohnen im Bestand verbinden lassen“, bekräftigt Regionalbereichsleitung AnnaOstrouchow und verweist auf ähnliche Projekte in Bochum und Witten (Nordrhein-Westfalen). Allein in Witten wurden in knapp zehn Monaten 112 Wohnungen in Vier- und Achtgeschosser nach dem Energiesprong-Prinzip saniert. Der Energieverbrauch sank danach von 145 kWh/m2 auf 26 kWh/m2. Auf diese Weise möchte der größte Wohnungskonzern Deutschlands – der mittlerweile eine eigene Abteilung Serielle Sanierung aufbaute, – seinen gesamten Gebäudebestand bis 2045 klimaneutral gestalten.
Vielfältige, erprobte Lösungen
Laut dena wurden mit dem Energiesprong-Prinzip, das ursprünglich aus den Niederlanden stammt, deutschlandweit bislang rund 2.000 Wohneinheiten saniert – darunter Mehrfamilienhäuser, ganze Quartiere, Schulen, Feuerwachen und Einfamilienhäuser sowie jüngst das Quartier in Hannover. Um die Klimaziele bis 2045 zu erreichen, müssen insgesamt etwa vier Millionen Wohnungen mithilfe der seriellen Bauweise entstehen. Über 300 Projekte sind derzeit im Bau oder werden gerade geplant und vorbereitet. Die Region Hannover steht dabei nach Nordrhein-Westfalen als zweite Clusterregion serieller Sanierung.
Bärbel Rechenbach
| Anhang | Größe |
|---|---|
| Beitrag als PDF herunterladen | 399.8 KB |
· Artikel im Heft ·













