Das denkmalgeschützte Gebäude der ehemaligen Textilfabrik Erba in Wangen/Allgäu wurde von einem privaten Investor erworben und in den Jahren 2020 bis 2024 zu einem ökologischen Vorzeigeprojekt umgebaut. Es hat einen unter Denkmalschutzbedingungen minimalen Energiebedarf, bei einem maximalen Grad an Autarkie – durch Geothermie, Photovoltaik und Regenwassernutzung. In Moderne Gebäudetechnik, Ausgabe 7/2025, wurde über die Nutzung erneuerbarer Energien für das denkmalgeschützte Industriegebäude berichtet.
Projektdaten Carderie/Schwarzer Olivenbaum
Adresse: Spinnerei 4, Wangen
Bauherrschaft: Carderie KG, Wangen
Architektur: Seelinger Architekten+Ingenieure, Darmstadt
Geländer, Baum-Versetzhilfe: Metallbau Robin Müller, Argenbühl
Baumbeleuchtung: ERCO GmbH, Lüdenscheid
Baumbewässerung und -betreuung: Boymann GmbH+Co KG, Glandorf
Regenwasserfilter und -speicher: Mall GmbH, Donaueschingen
Mehrjährige Reise
Das Gehölz war in einer Baumschule in den USA erst im Freiland und später auf einen Containertopf gezogen worden. Die vierwöchige Schiffspassage im Jahr 2020 und die anschließende Umstellung auf mitteleuropäische Licht- und Klimaverhältnisse führten jedoch zwangsläufig zum Verlust der ansonsten immergrünen Belaubung. In einem hohen Glashaus in der Nähe von Rotterdam wurde dieser Baum dann behutsam und mit viel Fachwissen mindestens ein halbes Jahr lang auf unser Klima „konditioniert“. Die Zeitspanne ist auch als Quarantäne erforderlich zur anschließenden Freigabe der europäischen Zollbehörden im Hinblick auf Schädlingsbefall. An seinen heutigen Standort transportiert und eingepflanzt wurde der stattliche Baum mit 9 m Höhe und 4 m Kronendurchmesser allerdings erst Ende 2025, als das Gebäude fertig, die Haustechnik in Betrieb und der vom Architekten Martin Seelinger vorgesehene Standort im Treppenhaus mit Belichtung, Belüftung und Bewässerung ausgestattet war.

Hohe Investitionskosten
Vor diesem Hintergrund und den damit verbundenen Anschaffungskosten steht die Frage im Raum, ob es denn bei uns für die Begrünung innerhalb von Gebäuden solch exotischer Gewächse bedarf. „Ja“, ist die klare Antwort von Jens Boymann, einem Experten für Innen- und Außenbegrünung. „Einheimische Laubbäume sind das halbe Jahr kahl, insofern keine Zierde als Innenbegrünung, und sie vertragen ein immer gleiches Raumklima ohnehin nicht.“ Es war Boymanns Aufgabe, sich um den Kauf des Baumes und dessen Transport von der Nordseeküste bis ins Alpenvorland zu kümmern. Der Preis für beides zusammen: 31.000 € inkl. MwSt. Der Experte war mit seinem Team auch vor Ort, zuständig für das Abladen und Versetzen des Baumes sowie die Installation der automatischen Tropfbewässerung. Das kostete weitere 15.500 € inkl. MwSt. Externe Montagearbeiten an der Fassade sowie ein Autokran schlugen mit weiteren 6.000 € brutto zu Buche. Bei früheren Bauprojekten hatte Architekt Seelinger das Team von Boymann bereits in ähnlicher Weise beauftragt.
Neues Leben, neue Seele
Um den denkmalgeschützten Industrieruinen einer ehemaligen Baumwollspinnerei und -weberei neues Leben einzuhauchen, hatte die Stadt Wangen im Allgäu Investoren gesucht. Mit der Carderie erwarb Dr. Tobias Polifke eines der Fabrikgebäude. Durch behutsame Transformation der Industriearchitektur sind in dem neuen Stadtteil heute Gewerbe, Wohnen und Kultur gleichermaßen präsent.
Im sanierten Gebäude der Carderie befinden sich eine Anwalts- und Steuerkanzlei, eine Praxis für Osteopathie, eine Altenpflegeschule sowie ein ganztags geöffnetes französisches Bistro inkl. Backwaren-Manufaktur – und, nicht zu vergessen, der Schwarze Olivenbaum im Treppenhaus als neue Seele des Hauses.
Allseitige Belichtung
Absolut notwendig ist spezielles Pflanzenlicht, das die Baumkrone von oben her möglichst gut durchdringt. In der Carderie sind sechs Strahler, jeweils LED 56,3 W mit 5.566 lm und 3.000 K (warmweiß) in zwei Stromschienen in der Decke über dem ersten Stock eingebaut. Sie ersetzen das natürliche Tageslicht Floridas. Selbst im Hochsommer würde in Süddeutschland an der Fensterfront die Transmission der Gläser für eine gesunde Photosynthese bei weitem nicht ausreichen, da ein Tropenbaum ganzjährig und allseitig 1.500 Lux mit der richtigen Wellenlänge braucht – und das für 10 bis 12 h täglich.

Drei weitere Lichtquellen sitzen als Bodeneinbauleuchten im Substrat, nach oben gerichtet. Sie bringen mit jeweils LED 12 W und 4.000 K (neutralweiß) den Baum als Teil des Treppenhauses zur Geltung, setzen die grüne „Seele des Hauses“ so in Szene, dass sie für Passanten von der Straße aus sichtbar ist, und beleuchten die in die räumliche Tiefe des nächsten Geschosses hinaufführenden Stufen. Die gesamte Beleuchtung des Baumes inkl. Montage schlug mit 24.000 € brutto zu Buche.

Minimale Betriebskosten
Wegen der Stromkosten für das Pflanzenlicht und die Bewässerungspumpe oder die Gebühren für das Wasser müssen sich jedoch weder die Bauherrschaft noch die Mieter Gedanken machen. Seit Fertigstellung glänzt das renovierte ehemalige Fabrikgebäude als Vorzeigeprojekt im Sinne der Ökologie durch seinen Umgang mit Wasser und regenerativer Energie, die vor Ort gesammelt bzw. preiswert erzeugt werden. Zum Bewässern des Baumes und zum Spülen sämtlicher Toiletten wird Regenwasser genutzt. Der elektrische Strom, auch zur Verteilung des Regenwassers, stammt von den Photovoltaikmodulen auf dem Dach, deren Überschuss sogar regelmäßig Zusatzerträge bringt.

Kalkfreies Regenwasser
Aus Sicht des Begrünungsexperten Boymann ist das kalkfreie und fast pH-neutrale Regenwasser ideal für das Substrat und den Dünger, der per Dosierpumpe in größeren Abständen der Bewässerung zugegeben wird. Alle 40 Toiletten im Haus und die automatische Bewässerungsanlage für den Baum sind an ein separates Regenwassernetz angeschlossen. Auf dem Weg von der ca. 1.600 m² großen Sammelfläche auf dem Dach zum unterirdischen Regenspeicher werden Stoffe, die größer als 0,6 mm sind, in einem unterirdischen Filterschacht zurückgehalten. So gereinigt füllt der auf das Gebäude treffende Niederschlag allmählich den Speicher. Eine weitergehende Aufbereitung dieses „Himmelwassers“, wie es von unseren niederländischen Nachbarn genannt wird, ist für die hier praktizierte Verwendung nicht erforderlich. „Die kühlen und dunklen Behälter unter dem Vorplatz der Carderie bieten optimale Lagerbedingungen“, erklärt Thorsten Zahn, technischer Verkaufsberater des Herstellers Mall. Dort sind neben dem Filterschacht fünf miteinander verbundene Betonspeicher mit je 5,6 m³ Fassungsvermögen eingegraben. Diese „Mehrbehälteranlage“ fasst insgesamt 28 m³. Da die Behälterabdeckungen der Klasse D 400 entsprechen, ist die Speicheranlage hoch belastbar, z. B. durch Lkw und Feuerwehr-Einsatzfahrzeuge, und der Vorplatz vielseitig nutzbar.
Dipl.-Ing. Klaus König
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