Podcast

Reihe zur nachhaltigen Stadt- und Gebäudeentwicklung gestartet

Immer mehr Menschen zieht es in die urbanen Ballungsräume. Dieser Trend stellt uns vor komplexe Herausforderungen. In einem neu gestarteten Podcast diskutieren urbane Vordenker über innovative Lösungen für die Zukunft der Städte. In Folge 1 geht es um das Thema „Klimaneutrale Städte“.

Quelle: stock.adobe.com/pierluigipalazzi
Quelle: stock.adobe.com/pierluigipalazzi

Von Cinthia Buchheister, Arup Deutschland GmbH

Deutschland hat sich ambitionierte Ziele gesetzt: Bis 2050 soll das Land klimaneutral sein. Die größten Anstrengungen müssen dabei in den Bereichen Gebäude und Verkehr erfolgen, die für 50 % des CO2-Ausstoßes verantwortlich sind. Die neu gestartete Podcast-Reihe des weltweit tätigen unabhängigen Planungs- und Beratungsbüros Arup beschäftigt sich mit klimaneutralen Städten, bauen nach dem Cradle to Cradle Prinzip, zukunftssicherer Stadtplanung, nachhaltiger Bestandsentwicklung, regenerativem Design und weiteren Themen.

In Folge #1 Klimaneutrale Städte erläutert Martin Pauli, Leiter Foresight Consulting bei Arup Deutschland, wie sich CO2-Emissionen in den Städten reduzieren lassen, welche Pilotprojekte zukunftsweisend sind und warum der Green Deal der EU die richtigen Weichen stellt.

Herr Pauli, in der Studie “2050 Scenarios: Four Plausible Futures” hat Arup Best- und Worst Case Szenarien für den Klimawandel entwickelt. Ist dies ein Appell an die Immobilienwirtschaft, mehr für die Erreichung der Klimaziele zu tun?

Martin Pauli: Arup Foresight beschäftigt sich mit komplexen Fragestellungen, die einen vorausschauenden und ganzheitlichen Blick auf die Zukunft erfordern. Unser interdisziplinäres Team identifiziert Trends und Themen, die einen wesentlichen Einfluss auf die Gesellschaft und die gebaute Umwelt haben. Indem wir das Bewusstsein für zukünftige Herausforderungen schärfen, unterstützen wir unsere Kunden dabei, kreative Lösungen zu entwickeln und Risiken besser zu managen. Mithilfe von Szenarien lässt sich sehr gut verdeutlichen, welche Auswirkungen verschiedene Handlungsoptionen auf die Zukunft haben werden. Bei der nachhaltigen Entwicklung unserer Städte geht es, abstrakt gesehen, darum, die Bedürfnisse der wachsenden Weltbevölkerung mit den ökologischen Grenzen unseres Planeten ins Gleichgewicht zu bringen. Die Studie soll Städten und Kommunen, sowie Architekten und Stadtplanern als Entscheidungshilfe dienen.

Der Gebäudesektor ist für 40 Prozent des Energieverbrauchs und 30 Prozent der CO2-Emissionen verantwortlich. Halten Sie einen klimaneutralen Gebäudebestand bis 2050 für realistisch?

Martin Pauli: Im Neubau ist dies durchaus realistisch. Know-how und Technik zum Bau klimaneutraler bzw. klimapositiver Gebäude sind vorhanden und werden weitestgehend umgesetzt. Zudem hat bei Investoren und Planern ein Umdenken stattgefunden. Mut machen Initiativen wie „Phase Nachhaltigkeit“, die von der Bundesarchitektenkammer und der Gesellschaft für Nachhaltiges Bauen Ende 2019 ins Leben gerufen wurde. In ihr haben sich über 100 Architekten und Planer zusammengeschlossen, um Nachhaltigkeit zum neuen Normal zu machen. Vielen Menschen wird es immer wichtiger, dass Gebäude, in denen sie leben oder arbeiten nachhaltig sind.

90 Prozent der Gebäude in Deutschland sind Bestandsbauten, die nicht mehr den aktuellen Energiestandards entsprechen. Reichen 30 Jahre aus, um den Bestand klimaneutral zu sanieren?

Martin Pauli: In Bestandsgebäuden steckt in der Tat das größte Einsparpotenzial. Statt die Sanierung auf einzelne Gebäude zu reduzieren, plädieren unsere Experten für eine energetische Stadterneuerung mit quartiersübergreifenden Energiekonzepten: Nah- und Fernwärmenetze, die Haushalte mit regenerativ erzeugter Energie versorgen, innovative Insellösungen mit Kraft-Wärme-Kopplung oder die energetische Kompensation zwischen Alt- und Neubauten reduzieren den Primärenergiebedarf der Gebäude im Quartier. Dieser Ansatz ermöglicht eine effiziente, hochwertige Modernisierung, senkt die Sanierungskosten pro Gebäude – und erhöht die Chance, dass die Sanierung des Gebäudebestands in 30 Jahren abgeschlossen ist. Insgesamt ist wichtig, dass sich der Fokus mehr und mehr weg von der reinen Energieeffizienz hin zu einer Emissionsbetrachtung entlang des gesamten Lebenszyklus` verschiebt. Nur so lässt sich langfristig eine Entkopplung von städtischer und wirtschaftlicher Entwicklung vom Verbrauch von Ressourcen und damit verbundenen CO2-Emissionen ermöglichen.

Wird der Green Deal der EU die klimaneutrale Stadterneuerung vorantreiben?

Martin Pauli: Davon bin ich fest überzeugt. Der politische Wille ist parteiübergreifend vorhanden, der regulatorische Rahmen für Planer und Investoren gesteckt, die entsprechenden Finanzmittel stehen zur Verfügung. In einem Volumen, das steuernde Wirkung haben wird und die Möglichkeit eröffnet, Pilotprojekte, die sich in Quartieren bewährt haben, auf den großen Maßstab zu übertragen. Mit dem Green Deal wird Nachhaltigkeit erstmalig zu einem Wirtschaftsfaktor. Und genau das wird die klimaneutrale Stadterneuerung vorantreiben.

In Ihrer Arup Podcast-Folge „Klimaneutrale Städte“ diskutieren Sie mit Dr. Christine Lemaitre, Vorständin der DGNB, und Prof. Dr. Philipp Bouteiller, Geschäftsführer der Tegel Projekt GmbH, unter anderem über das klimaneutrale Vorzeigequartier Berlin TXL – The Urban Tech Republic. Was macht dieses Projekt so zukunftsweisend? 

Martin Pauli: Berlin TXL – The Urban Tech Republic ist das erste Gewerbequartier in Deutschland, das von der DGNB mit Platin vorzertifiziert wurde. Herausragend ist unter anderem das innovative Energiekonzept. Die Versorgung erfolgt über ein neuartiges LowEx-Niedrigtemperaturnetz, in das sowohl die Abwärme der Nutzer als auch die selbst erzeugte regenerative Energie aus Blockheizkraftwerken, Solaranlagen und Geothermie eingespeist wird. Vorbildlich ist auch das auf Fußgänger und Radfahrer ausgerichtete Mobilitätskonzept, das den ÖPNV mit Mobility-Hubs verbindet. Das Prinzip der Schwammstadt hilft dabei, die Folgen der globalen Klimaerwärmung auszugleichen. Speziell bepflanzte Zonen sorgen dafür, dass Regenwasser gespeichert wird und das Quartier an heißen Tagen durch natürliche Verdunstung kühlt. Offensichtlich ist, dass nachhaltige Stadtentwicklung immer eine Betrachtung des Gesamtsystems erfordert – ein System, welches nach den Prinzipien der Circular Economy also regenerativ ist und damit eine positive Wirkung entfaltet.

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