Forschung und Entwicklung

Ein Tool, damit sinnvoll in den Erhalt von Kirchen investiert werden kann

In einem Forschungsprojekt hat ein Team der TU-Berlin unter Leitung von Prof. Dr. Kristin Wellner und dem Kooperationspartner Erzbistum Berlin, eine Datenbank für die Instandhaltungs- und Sanierungsplanung von sakralen Gebäuden entwickelt.

 

Die Kirche „Herz Jesu“ (3D-Modell) in Berlin-Pankow ist die älteste Kirche, die von den Wissenschaftlerinnen in dem Projekt untersucht wurde. Sie wurde 1875 erbaut. Bild:© PBI, TU Berlin, E. Pavlidou-Reisig
Die Kirche „Herz Jesu“ (3D-Modell) in Berlin-Pankow ist die älteste Kirche, die von den Wissenschaftlerinnen in dem Projekt untersucht wurde. Sie wurde 1875 erbaut. Bild:© PBI, TU Berlin, E. Pavlidou-Reisig

In dem Forschungsprojekt „Instandhaltungsplanung für Kirchengebäude“ haben Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler sowie Studierende unter Leitung von Prof. Dr. Kristin Wellner gemeinsam mit dem Kooperationspartner Erzbistum Berlin anhand von 38 ausgewählten Kirchengebäuden eine Datenbank entwickelt, die künftig dabei unterstützen soll, Entscheidungen über Instandhaltungs- oder Sanierungsarbeiten an den sakralen Gebäuden so zu treffen, dass finanzielle Mittel effizient und mit dem größtmöglichen Effekt eingesetzt werden können.

„Gesellschaftliche Veränderungen wie eine sich ändernde Bedeutung der christlichen Kirchen, Kirchenaustritte und demografischer Wandel verursachen monetäre Zwänge, die eine Restrukturierung und Professionalisierung der kirchlichen Immobilienverwaltung erfordern oder anders ausgedrückt: Die monetären Zwänge stellen die Kirchengemeinden vor die Frage, wie das weniger werdende Geld für den Erhalt der Kirchengebäude am sinnvollsten investiert werden kann“, sagt Prof. Dr. Kristin Wellner, Leiterin des Fachgebiets Planungs- und Bauökonomie/ Immobilienwirtschaft

Systematisierung nach Lage, Baujahr, Größe, Stil

Die 208 Kirchen im Erzbistum Berlin clusterte das Team um Wellner nach Komplexität des Baukörpers, Lage, Baujahr, Baustil, Größe, Anbindung des Turms sowie nach Unikaten hinsichtlich Größe, Baustil oder Alter. „Die St. Ansgar in Mitte zum Beispiel ist ein solches Unikat, das sich durch seine parabolische Grundrissform auszeichnet“, erläutert Elena Pavlidou-Reisig, wissenschaftliche Mitarbeiterin am Fachgebiet. Die Bandbreite der unterschiedlichen Cluster spiegelt sich wider in Kirchengebäuden wie der „Rosenkranz Basilika“ in Steglitz, die durch die hohe Komplexität ihres Baus gekennzeichnet ist. „Herz Jesu“ in Pankow, 1875 erbaut, ist die älteste Kirche, die untersucht wurde. „Bruder Klaus“ in Neukölln aus dem Jahr 1989 die neueste. „St. Markus“ in Spandau steht für den Stil der Nachkriegsmoderne. Die „St. Johannes -Basilika“ in Neukölln ist mit ihren 19.785 Kubikmetern Raumvolumen besonders groß; „Maria Königin des Friedens“ in Marzahn mit 2943 Kubikmetern hingegen besonders klein. Die Kirche „Von der Verklärung des Herrn“ in Marzahn steht für einen Bau mit anliegendem Turm und die „St. Thomas von Aquin“ in Charlottenburg ist ein Beispiel für Blockrandbebauung.

Unterschiedliche Qualität der Dokumentation

Die Clusterung führte zu 38 Kirchengebäuden – 18 in Ost-, 20 in West-Berlin –, die während der Projektlaufzeit im Detail analysiert und für die alle vorliegenden Kosten aufgelistet wurden, die für Sanierungs- und Instandhaltungsmaßnahmen in den jeweiligen Kirchengebäuden angefallen waren. „Wir sind in die Archive von 38 Kirchengemeinden gegangen und haben zusätzlich die entsprechenden Ordner in der Zentrale des Erzbistums gesichtet und alle vorliegenden Rechnungen sowie Dokumente über Instandhaltungs- und Sanierungsarbeiten erfasst. Bei den 38 Kirchenbauten lagen insbesondere für die letzten 30 Jahre die meisten Rechnungen vor, sodass wir uns auf den Zeitraum von 1990 bis 2020 fokussierten. Es zeigte sich aber auch, dass die Qualität der Dokumentation sehr unterschiedlich war. Bei einer Kirche fanden wir zum Beispiel 200 Rechnungen, bei einer anderen nur drei. Insgesamt war es eine intensive Arbeit in den Archiven der Kirchengemeinden. Doch nicht jede bauliche Maßnahme ist mit einer Rechnung belegt, da zum einen kleinere Arbeiten von der Gemeinde selbst erledigt wurden und zum anderen eine datenbankgestützte Erfassung und Dokumentation der Rechnungen für Instandsetzungsmaßnahmen der Pfarreien erst seit 2016 im Erzbistum zentral erfolgt“, sagt Johanna Sadiki, ebenfalls wissenschaftliche Mitarbeiterin im Projekt.

3D-Modelle von allen 38 untersuchten Bauten

Bei der Analyse wurden Rechnungen zu den baulichen Maßnahmen an Außenwand, Innenwand, Dach, Fußboden und Decke betrachtet – und diese Ausgaben gesondert nach Instandhaltungs- und Sanierungsmaßnahmen ausgewiesen. „Außerdem wurden für die einzelnen Bauteile die wichtigsten Charakteristiken erfasst, wie zum Beispiel für die Außenwand das Außenwandmaterial, die Konstruktionsart der Außenwand (Mauerwerk oder Stahlbeton) und ihre Formenkomplexität, das meint, ob sie eine klare geometrische Form aufweist oder Nischen, Vorsprünge und Verzierungen hat, sowie die Höhe und Form des Turmes beziehungsweise seine Integration ins Kirchengebäude oder Außenwand oder ob er als Campanile separat steht“, erläutert Johanna Sadiki.

Die Wissenschaftlerinnen und Studierenden erstellten von jedem der 38 Kirchengebäude ein 3D-Modell. Die aus den 3D-Modellen ermittelten Massen, zum Beispiel Quadratmeterzahlen für Außenwand, Innenwand, Dach, Fußboden und Decke sowie Kubikmeter-Angaben für das Innenraumvolumen, dienten dazu, die Kosten durch Euro-pro-Quadratmeter- oder Euro-pro-Kubikmeter-Angaben vergleichbar zu machen.

Die Datenbank gibt nun Auskunft darüber, wie viele Kosten pro Bauteil und Quadratmeter seit Rechnungsaufnahme anhand der dokumentierten Rechnungen jeweils für die 38 Kirchenbauten angefallen sind. Eine wichtige Schlussfolgerung aus dem Projekt ist, dass je lückenloser und detaillierter alle Baumaßnahmen von den Kirchengemeinden dokumentiert werden, desto aussagekräftiger kann das Tool werden.

Grundstein für ein deutschlandweites Baukostenkataster?

„Unser Anliegen war es, eine strukturierte, erweiterungsfähige Datenbasis zu schaffen. Sie kann dazu beitragen, bei sinkenden Kirchensteuereinnahmen die noch im Kirchenbudget verfügbaren Mittel in bauliche Maßnahmen so zu investieren, dass so viele Kirchen wie möglich im Erzbistum Berlin davon profitieren, aber auch Entscheidungen zu begründen, auf welche Kirchengebäude Mittel konzentriert werden sollten. Aber letztendlich ist es die Entscheidung des Erzbistums, wie es diese Datenbank als Management-Tool nutzt und einsetzt. Wir würden uns freuen, wenn dies die Grundlage für eine Datenbank zu Instandhaltungs- und Baukosten auch anderer Bistümer und Kirchenverbände werden würde, also für ein überregionales oder gar deutschlandweites Baukostenkataster für Kirchengebäude. Dafür braucht es aber noch viele Daten. Das Projekt ist erst ein Anfang“, sagt Prof. Dr. Kristin Wellner.

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