Biodynamische Lichtkonzepte in der Pflege

Energie sparen – und Wohlbefinden schaffen

Viele Lichtanlagen in Pflegeheimen stammen aus Zeiten, in denen Energiepreise und zirkadiane Lichtwirkungen kaum eine Rolle spielten. Die Folge: veraltete Leuchtmittel, ineffiziente Steuerungssysteme, hoher Energieverbrauch – und eine Lichtqualität, die weder für Bewohner noch für Pflegepersonal optimiert ist. Ersatzteile für bestehende Anlagen sind oft nicht mehr erhältlich, die Wartung wird zur Herausforderung, und die monatlichen Energiekosten erreichen nicht selten vierstellige Beträge. Der Sanierungsbedarf ist evident – aber wer nur auf LED-Technologie umstellt, ohne das Gesamtsystem Licht ganzheitlich zu denken, verschenkt enormes Potenzial.

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Flur: „HCL-gesteuerter 24-Stunden Bereich vorher und nachher.“ Bild: Innogreen
Flur: „HCL-gesteuerter 24-Stunden Bereich vorher und nachher.“ Bild: Innogreen

Der Autor: Olaf Tieben, Geschäftsführender Gesellschafter InnoGreen Deutschland GmbH

Entscheidend für die Wirksamkeit moderner Lichtkonzepte in Pflegeeinrichtungen ist ein intelligentes Beleuchtungsmanagementsystem, das mehrere Aspekte ganzheitlich miteinander verbindet. Eine zentrale Rolle spielt dabei die Integration von Tageslicht: Ein durchdachtes Konzept erfasst natürliche Lichtverhältnisse und ergänzt sie gezielt durch künstliche Beleuchtung, anstatt sie zu überstrahlen oder zu ignorieren. Gleichzeitig können moderne Beleuchtungsanlagen Bewegungsdaten aus der Umgebung sammeln und aus den erfassten Daten Produktivitätssteigerungen ableiten. Auf diese Weise lässt sich nicht nur eine biologisch wirksame Lichtumgebung schaffen, sondern auch eine energieeffiziente Betriebsweise realisieren. Da Pflegeeinrichtungen sehr unterschiedliche Anforderungen an Beleuchtung stellen – abhängig von Tageszeit, Raumfunktion und individuellen Bedürfnissen der Bewohner – sollten Beleuchtungssysteme zudem die Möglichkeit bieten, flexible Zeitszenarien und Raumprofile zu hinterlegen. Diese lassen sich idealerweise sowohl zentral als auch dezentral steuern und anpassen.

In diesem Zusammenhang hat Human Centric Lighting (HCL) in den letzten Jahren viel Aufmerksamkeit erhalten - und dies zurecht. Es orientiert sich am natürlichen Tageslichtverlauf, indem es Lichtfarbe und Intensität dynamisch anpasst und damit den zirkadianen Prozess, also den biologischen Tag-Nacht-Rhythmus des Menschen, gezielt unterstützt. Auf diese Weise kann der Biorhythmus, insbesondere bei älteren oder pflegebedürftigen Menschen, stabilisiert werden. Doch um den gewünschten Effekt tatsächlich zu erzielen - nämlich eine Verbesserung des Schlaf-Wach-Rhythmus, der kognitiven Leistungsfähigkeit und der allgemeinen Befindlichkeit -, reicht die reine Installation tageslichtähnlicher Leuchten nicht aus.

Licht als Bestandteil der Pflegeinfrastruktur – mit messbarem Nutzen

Der biologische Nutzen von HCL ist durch Studien belegt – etwa durch die Universität Tübingen oder das Fraunhofer-Institut. Dort wurde unter anderem gezeigt, dass spektralmoduliertes Licht in Pflegeheimen die Schlafqualität verbessert, depressive Symptome reduziert und Alltagsfähigkeiten steigert. Auch das Pflegepersonal profitiert: Weniger Unruhe, weniger nächtliche Interventionen, entspannterer Tagesverlauf.

Bewohner im Rollstuhl: „Biologisch wirksames Licht stärkt Orientierung und Wohlbefinden.“
Bewohner im Rollstuhl: „Biologisch wirksames Licht stärkt Orientierung und Wohlbefinden.“ Bild: Innogreen

Diese Effekte treten jedoch nur dann zuverlässig ein, wenn das Lichtsystem präzise auf Nutzergruppen, Raumnutzung und Tagesablauf abgestimmt ist – eine rein visuelle Bewertung („hell genug“) reicht nicht aus. Daher ist die Lichtplanung im Pflegebereich keine gestalterische Randdisziplin, sondern eine strategische Aufgabe, die Lichttechnik, Steuerung, Ergonomie und Pflegepädagogik verbindet.

Lichtkonzept vom Generalunternehmer

Pflegeheime, die vor der Sanierung ihrer Lichtanlage stehen, sollten deswegen darüber nachdenken, bei der Neuausstattung ein HCL-Konzept zu integrieren. Dafür bietet sich ein Generalunternehmer an, der das Gesamtpaket aus einer Hand anbietet: von der Bedarfsermittlung, über Konzeption, Finanzierung bis zu Installation und Wartung.

Dabei ist es notwendig, zunächst ein Lichtkonzept mit Licht- und Raumplanung zu erstellen. Im Pflegebereich ist dies eine umfangreiche Aufgabe, weil viele Einzelkomponenten in den Fluren und den öffentlichen Bereichen wie Essbereichen, Gemeinschaftsräumen und separaten Aufenthaltsräumen berücksichtigt werden müssen. Hier sind die längsten Brenndauern am Tag – wobei die Flure meist 24/7 mit Licht versorgt werden. Danach folgen die Bewohnerzimmer, die komfortabel und zielgerichtet ausgeleuchtet sein müssen, da auch hier durch das Pflegepersonal direkt mit den Bewohnern gearbeitet wird. Anschließend folgen dann die Nebenbereiche wie Badezimmer und Keller. Das Angebot für das Lichtkonzept sollte daher zum Festpreis erfolgen, damit Einrichtungen Planungssicherheit behalten: Eine HCL-Beleuchtung kann mit Mehrkosten von 20 bis 30 Prozent einhergehen.

Wichtig ist darüber hinaus die Zusammenarbeit mit Fachbetrieben, die die Besonderheiten von Pflegeheimen kennen: Der Umbau muss im laufenden Betrieb erfolgen, was den Alltag für Pfleger und Bewohner umständlicher macht und zudem ein Sicherheitsrisiko darstellen kann. Die Handwerker müssen also gewillt sein, Fragen der Bewohner zu beantworten und bei Bedarf von der Leiter herunterzusteigen - etwa, wenn ein Pflegebett durch den Flur geschoben wird.

LED-Leuchten und Lichtmanagement

Es ist wichtig, dass die eingesetzten Leuchten – egal ob in Feuchträumen oder dem Außenbereich – nach deutschen Qualitäts- und Fertigungsstandards produziert und von Zertifizierungsstellen geprüft sind. Die Beleuchtung muss gemäß der Arbeitsstättenrichtlinie ASR 3.4 sowie der Beleuchtungsnorm DIN EN 12464-1 angepasst werden, auch, um die notwendigen Beleuchtungsstärken sicher zu erbringen. Die Sicherheitsbeleuchtung sollte in die Beleuchtungsanlage integriert werden können.

Darüber hinaus ist es relevant, dass die Leuchtmittel flickerfrei sind und die Leuchten eine hohe Entblendung mitbringen: Damit wird das Personal nicht gestört, wenn es bei der Arbeit ins Licht schauen muss, etwa wenn es sich um bettlägerige Bewohner kümmert.

Eine solche neue Anlage ist mit einer geregelten Beleuchtung und einem Lichtmanagementsystem ausgestattet: Die tageslichtabhängige HCL-Steuerung in Intensität und Farbtemperatur erfolgt automatisiert, manuelle Eingriffe sind aber weiterhin möglich, etwa wenn die Lichtfarbe in den Zimmern von Hand angepasst werden kann. Nachts werden die Leuchten gedimmt – nur etwa ein Drittel bleibt an. In den Fluren bietet es sich an, die Intensität des Lichts regulieren zu können. Hier ist eine Grundhelligkeit programmiert. Für das HCL-System müssen die Leuchten untereinander und mit der Steuerung verbunden sein, wofür ein sicheres Funknetzwerk notwendig ist. 

Tageslicht-Scala: „HCL passt Farbtemperatur und Intensität dem Verlauf des natürlichen Tageslichts an.“ Die Bildrechte liegen bei Innogreen.
Tageslicht-Scala: „HCL passt Farbtemperatur und Intensität dem Verlauf des natürlichen Tageslichts an.“ Bild: Innogreen

 

Die Vorteile der ganzheitlichen Lichtsanierung

Ein intelligentes Lichtsystem mit HCL-Funktionalität kann - fachgerecht geplant und umgesetzt - nicht nur das Wohlbefinden erhöhen, sondern auch die Betriebskosten signifikant senken. Allein das Energieeinsparpotenzial von LED-Leuchten liegt zwischen 65 und 85 Prozent im Vergleich zu einer herkömmlichen Beleuchtung. Einsparungen von CO2 und Schwefel liegen in vergleichbaren Höhen. Pflegeheime können damit einen mittleren fünfstelligen Bereich im Jahr sparen, die Amortisation kann in weniger als fünf Jahren erfolgen. Sie ergibt sich aus der Brenndauer der Leuchten und den Stromkosten. Durch die lange Brennzeit verkürzt sie sich.

LED-Lichtkonzepte verursachen nur einen geringen Wartungsaufwand und verbessern die Beleuchtungsqualität enorm: nicht nur durch eine gleichmäßigere Ausleuchtung der Räume, sondern auch durch die Verringerung unerwünschter Schattenzonen. In einer gleichmäßig erhellten Umgebung profitieren insbesondere ältere oder pflegebedürftige Menschen: Sie können sich besser orientieren, erkennen Hindernisse früher – und das Unfallrisiko sinkt deutlich.

Badezimmer: „Auch im Bad verbessert die neue LED-Beleuchtung Sicherheit und Sichtkomfort.“
Badezimmer: „Auch im Bad verbessert die neue LED-Beleuchtung Sicherheit und Sichtkomfort.“ Bild: Innogreen

Aktivitäten wie Lesen, Basteln oder gemeinsames Spielen gelingen unter optimalen Lichtverhältnissen leichter, was die Aufenthaltsqualität spürbar erhöht. Auch für Pflege- und Reinigungspersonal wird die Arbeit effizienter, da Schattenwurf durch den eigenen Körper vermieden wird. Ein zusätzlicher Aspekt: Mit fachlicher Unterstützung lässt sich die Lichtfarbe gezielt auf Raumgestaltung und Wandfarbe abstimmen. So kann beispielsweise bei grün gestrichenen Wänden eine neutral- oder kaltweiße Beleuchtung verhindern, dass der Raum gedämpft oder zu dunkel wirkt – und trägt stattdessen zu einer freundlichen, klaren Atmosphäre bei.

Fazit

Die Modernisierung von Beleuchtungssystemen in Pflegeeinrichtungen darf sich nicht auf den Austausch von Leuchtmitteln beschränken. Erst die Kombination aus energieeffizienter LED-Technologie, intelligentem Beleuchtungsmanagement und biologisch wirksamer Lichtsteuerung entfaltet ihr volles Potenzial. Richtig geplant, kann ein HCL-System den circadianen Rhythmus stabilisieren, die Orientierung verbessern und das Wohlbefinden spürbar steigern – bei gleichzeitig sinkendem Energieverbrauch. Damit wird Licht zu einem zentralen Bestandteil der Pflegeinfrastruktur und trägt gleichermaßen zur Lebensqualität der Bewohner wie zur Entlastung des Personals bei.

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